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Die Finanzgeschichte der Französischen Revolution | Teil 4

  • Autorenbild: Thomas Hartz
    Thomas Hartz
  • 30. Dez. 2025
  • 13 Min. Lesezeit

Vom Kriege und dem Geldsystem: Schulden, Inflation und Staatsbankrott



„Gnädigster Herr, um Kriege zu führen, braucht Ihr drei Dinge: Geld, Geld und nochmals Geld.“ Diese berühmte Antwort des Söldnerführers Gian Giacomo Trivulzio an Ludwig XII. im Jahr 1499 ist mehr als ein Aphorismus der Renaissance. Sie ist die nüchterne Bilanz einer Epoche, in der Krieg kein nationaler Verteidigungsakt, sondern ein gigantisches Investmentgeschäft war.


Wer die Finanzgeschichte verstehen will, muss den moralischen Schleier um das Geldsystem lüften und Krieg als das betrachten, was er jahrhundertelang war: ein gewagter Business-Case mit extremem Hebel.


Ein gewonnener Krieg brachte dem Sieger nicht nur Ruhm, sondern harte Assets. Der Lauf der Geschichte europäischer Monarchien in die moderne Zeit ist gepflastert mit Raubzügen, Plünderungen, Kontributionszahlungen und Annexionen. Denn wie wir bereits in den ersten drei Teilen dieser Serie über das Geldsystem (Teil 1, Teil 2, Teil 3) hergeleitet haben, war Krieg und Expansion notwendig, um die sich ständig ausweitende Geldmenge, die Schulden und die drohende Inflation beherrschen zu können.


Aus heutiger Sicht mag das barbarisch wirken, doch im „Völkerrecht“ der damaligen Zeit war der Beuteerwerb (Ius praedae) ein völlig legales Eigentumsübertragungsverfahren. Was dem Feind gehörte, wurde durch den Sieg rechtmäßiges Eigentum des Eroberers. Krieg war also im Kern ein legalisierter Raubzug, finanziert durch Kredite, getilgt durch die Beute.


Doch dieses Geschäftsmodell hatte eine Achillesferse: Was passiert, wenn der Krieg nicht schnell gewonnen wird? Wenn die Beute ausbleibt, aber die Zinsen weiterlaufen? Genau an diesem Punkt entschied sich im 18. und 19. Jahrhundert das Schicksal Europas. Die Fähigkeit, große Geldsummen dauerhaft zu mobilisieren entschied weit mehr über Sieg oder Niederlage als der Mut der Soldaten auf dem Schlachtfeld. Liquidität war die ultimative Waffe, und mit Gründung der Bank of England 1694 sicherte sich England den entscheidenden Vorsprung gegenüber allen anderen europäischen Mächten und legte damit den Grundstein für den Fiscal-Military-State. Dieser von dem Historiker John Brewer (The Sinews of Power) geprägte Begriff beschreibt einen Staat, der sich durch zwei Machtinstrumente definiert, die sich gegenseitig bedingen: Hohe Steuern und eine effiziente Steuerverwaltung auf der einen und eine hohe Staatsverschuldung auf der anderen Seite.


England verfügte über beides, und dominierte somit das 18. und 19. Jahrhundert maßgeblich. Entgegen dem Mythos eines steuerarmen Liberalismus war Großbritannien im 18. Jahrhundert einer der am höchsten besteuerten Staaten Europas. Doch die Steuern – vor allem die Excise (Verbrauchssteuern auf Bier, Salz, Kohle) – wurden von einer zentralisierten, professionellen Bürokratie erhoben und vom Parlament kontrolliert. Dies schuf Legitimität. Frankreich hingegen litt unter einem byzantinischen System der Steuerpacht (Ferme Générale), bei dem private Unternehmer die Steuern eintrieben und einen Teil des Gewinns behielten, während Adel und Klerus weitgehend steuerbefreit waren. England stieg so zur imperialen Weltmacht auf, während seine Gegner im Chaos oder der Bedeutungslosigkeit versanken.


Implosion des Geldsystems – die Französische Revolution


Dieser Vorsprung lässt sich nüchtern auf eine einzige Zahl reduzieren: den Kreditzins. England zahlte im Durchschnitt nur drei Prozent Zinsen auf seine National Debt (insbesondere auf die berühmten Consols), während der traditionelle Erzfeind Frankreich zwischen sechs und zehn Prozent aufbringen musste. Wendet man nun die Bankers-Formel an (72 geteilt durch den Zins), wird die Dramatik sichtbar: England hatte über 24 Jahre Zeit, seine Wirtschaftsleistung zu verdoppeln, um mit dem exponentiellen Wachstum der Schulden Schritt zu halten. Frankreich musste seine Wirtschaftsleistung innerhalb nur sieben bis zwölf Jahren verdoppeln, um gleichzuziehen. Für eine überwiegend agrarisch geprägte Wirtschaft ein fast unmögliches Unterfangen.


Das 18. Jahrhundert endet für Frankreich auch in einer absoluten Katastrophe, der Französischen Revolution. Sie ist der brutale Höhepunkt eines implodierenden Geldsystems. Doch bevor wir die Revolutionsbühne von 1789 betreten, lohnt sich ein kurzer Rückblick auf die Mechanik des Untergangs in den Jahrzehnten davor.


Die Chronik des Scheiterns: Frankreichs Weg in den Staatsbankrott


Zwischen 1600 und 1789 gab es in Frankreich insgesamt 8 Ereignisse, die von Wirtschaftshistorikern wie Reinhart & Rogoff oder Velde als staatliche Zahlungsausfälle (Defaults) oder massive Restrukturierungen klassifiziert werden. Während Defaults im 17. Jahrhundert noch wie ein politisches Instrument eingesetzt wurden, zeigten sich im 18. Jahrhundert erste Zeichen echter Systemerschöpfung durch den ewigen Krieg gegen England. 1715 der erste Schuldenschnitt nach dem Spanischen Erbfolgekrieg, 1720 das Scheitern des John-Law-Experiments, ein Versuch, Papiergeld einzuführen, der in einer Hyperinflation und einer massiven Entwertung von Staatsanleihen mündete. 1759, mitten im Siebenjährigen Krieg, setzte der Finanzminister Etienne de Silhouette einfach Zahlungen aus. 1770 setzte der berüchtigte Abbé Terray eine teilweise Streichung der Schulden durch, und begründete dies mit den legendären Worten: „Der König ist Herr über die Notwendigkeit.“ 1788 folgte dann der faktische Bankrott, die Zahlungen wurden teilweise in Schatzanweisungen statt in bar beglichen.


Der Minsky-Moment der Monarchie: Ein Kampf um Solvenz


Die Französische Revolution aus der Sicht des Kapitals (der Gläubiger) und der Schulden zu betrachten, entzaubert den romantischen Mythos vom "Kampf für die Freiheit". Es war primär ein Kampf um Solvenz.


Ludwig XVI. erbte nicht nur einen Thron, sondern einen Schuldenberg. Die zusätzliche Finanzierung des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs gegen England war der letzte Sargnagel der französischen Monarchie. Das Haushaltsdefizit wuchs auf über 100 Millionen Livres, die Gesamtschulden türmten sich in die Milliarden und alleine die Zinszahlungen verschlangen 1788 über 50 Prozent der gesamten Staatsausgaben. Um es in der Sprache der modernen Märkte zu sagen: Frankreich erlebte seinen Minsky-Moment. Nach Hyman Minskys Theorie führt eine lange Phase scheinbarer Stabilität zu spekulativer Verschuldung (Ponzi-Finanzierung), die kollabiert, sobald keine neuen Kredite mehr zur Bedienung der alten Zinsen verfügbar sind. Es war der ultimative Margin-Call.


Die französischen Staatsschulden waren zum großen Teil im Besitz der vermögenden Elite des Landes, reiche französische Kaufleute, Bankiers und Rentiers hatten dem König Milliarden geliehen. Eine zweite, vor der Öffentlichkeit verborgen gehaltene Quelle der Staatsfinanzierung waren ausländische, insbesondere Genfer Banken. Der französische Finanzminister Necker entstammte dieser Bankenwelt und wirkte hier als Bindeglied, so wurde ein großer Teil der Kredite für den Unabhängigkeitskrieg in Amerika aus Genf finanziert. Necker verstand es auch, den Compte rendu au Roi (Haushaltsbericht) so zu fälschen, dass er einen Überschuss auswies. Das heimische Kapital strömte daraufhin weiter vertrauensvoll in die Staatskasse. Als sein Nachfolger Calonne den Betrug erkannte und feststellte, dass die Kassen leer waren und der Staat in der Zinsfalle saß, wollte er eine Steuer für alle Grundbesitzer einführen. Der Adel blockierte in den Gerichtshöfen (Parlements) vehement jeden Versuch, zur Kasse gebeten zu werden. Er sägte damit unwissentlich an dem Ast, auf dem er saß. Da die Kreditwürdigkeit des Königs durch die regelmäßigen Zahlungsausfälle in der Vergangenheit am Boden lag, war Frankreich 1789 faktisch zahlungsunfähig. Als einziger Ausweg blieb dem König die Flucht nach vorn: Die Einberufung der Generalstände durch Louis XVI., die seit 1614 nicht mehr getagt hatten, war kein Akt der Gnade, sondern ein verzweifelter Hilferuf an die Nation, den Bankrott abzuwenden, der administrativ nicht mehr zu lösen war. Er wurde zur politischen Existenzfrage. Das war die Ausgangslage, die sich nun schrittweise im revolutionären Chaos entladen würde.


Die politischen und militärischen Abläufe der Französischen Revolution im Detail zu erläutern, würde jeden Rahmen sprengen und ist zudem vielfach erzählt. Wir konzentrieren uns hier rein auf die finanziellen Hintergründe.


Die Generalstände und die Angst vor dem Default


Bei der Eröffnung der Generalstände hielt der wiederernannte Finanzminister Necker eine derart langweilige Rede, die zwar von Zahlen und Bilanzen überquoll, aber kein Wort über politische Veränderungen enthielt. Das aufstrebende Bürgertum aber wollte Mitspracherechte, Gleichheit vor dem Gesetz und ein Ende der Adelsprivilegien. Hinter den politischen Forderungen steckte eine ganz reale existenzielle Sorge: Die berechtigte Angst, dass Ludwig XVI. angesichts der Krise einfach den „großen Bankrott“ erklären würde. Ein solcher Zahlungsausfall hätte das Kapital der Bourgeoisie vernichtet.


Die Verhandlungen verliefen zunächst im Sande, bis sich der Dritte Stand – unterstützt von Überläufern aus dem niederen Klerus und dem liberalen Adel – eigenmächtig zur Nationalversammlung erklärte. Das war der offene Bruch mit dem König. Frankreich verwandelte sich damit faktisch über Nacht von einer absoluten in eine konstitutionelle Monarchie.


Die neue Versammlung schwor, nicht eher auseinanderzugehen, bis eine Verfassung stand. Bezeichnend für die wahren Motive der Revolutionäre war jedoch einer ihrer allerersten Beschlüsse am 17. Juni 1789: Die offizielle Garantie der Staatsschulden. Die Ansprüche der Gläubiger wurden damit feierlich unter den Schutz der Nation gestellt. Auch die Verfassung von 1791 (Titel V, Art. 2) zementierte dies später unmissverständlich: Die Gelder für die Staatsschuld dürfen demnach „unter keinem Vorwand verweigert oder ausgesetzt werden“. Artikel 17 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte definierte zudem jegliches Eigentum – und damit auch die Forderungen der Gläubiger – als „unantastbar und heilig“ (un droit inviolable et sacré).


Eine konstitutionelle Monarchie ohne Cash-Flow


Die Garantie der Staatsschulden war politisch klug, aber finanziell ein Himmelfahrtskommando. Die Realität im Herbst 1789 war ernüchternd: Frankreich war illiquide. Die Steuereinnahmen waren komplett kollabiert, und neue Kredite gab es für einen Staat am Rande der Anarchie nicht.

Warum also nicht einfach die Steuern eintreiben und erhöhen? Die Antwort ist simpel und fatal: Der Staat war operativ handlungsunfähig. Das alte, verhasste System der Steuererhebung war im Sommer 1789 physisch ausgelöscht worden. Während der sogenannten „Großen Furcht“ (Grande Peur) hatten Bauern im ganzen Land die Schlösser und Klöster gestürmt – aber nicht nur, um zu plündern. Ihr Hauptziel waren die Archive. Denn dort wurden die „Livres terriers“ verwahrt – die Grundbücher, in denen alle Steuerschulden und Abgaben verzeichnet waren. Einmal entdeckt, wurden sie unter dem Jubel der Bauern öffentlich verbrannt.


Es war eine gezielte Vernichtung der administrativen Datenbank. Auch in Paris gingen die Zollhäuschen der Steuerpächter in Flammen auf. Wo keine Akten sind, gibt es auch keine Forderungen. Dies ist vergleichbar mit einem modernen Cyber-Angriff, der alle Server der Finanzämter unwiederbringlich löscht.


Während die Schuldenuhr weiter tickte, hatte sich der operative Cashflow des Staates in Rauch aufgelöst und war faktisch auf null gefallen. Frankreich leistete sich den Luxus, fast zwei Jahre lang (Mitte 1789 bis 1791) faktisch keine Steuern zu erheben. Das alte System war tot, das neue noch nicht geboren. Und selbst als die neuen Steuergesetze 1791 in Kraft traten, fehlte der Verwaltung die Datengrundlage, um sie einzutreiben.


Die Kirche als „Collateral“: Der größte Asset-Swap der französischen Geschichte


Um den „heiligen“ Verpflichtungen gegenüber den Gläubigern nachzukommen, brauchte der Staat sofortigen Zugriff auf riesige Vermögenswerte. Da die Bürger nicht besteuert werden konnten und der König bereits entmachtet war, richtete sich der Blick der Nationalversammlung auf die einzige Institution, die noch über massive, unberührte Assets verfügte: die katholische Kirche. Die Idee, den Staatshaushalt durch Kirchenbesitz zu sanieren, war keineswegs eine französische Erfindung. Die Revolutionäre wussten genau, dass England unter Heinrich VIII. gut 250 Jahre zuvor exakt denselben Weg gegangen war. Oder 1527 Gustav Wasa von Schweden, der den kompletten Kirchenbesitz enteignete, um die Auslandsschulden bei den Lübecker Kaufleuten zu bedienen. Für die französische Nationalversammlung war dies die historische Blaupause: Ein staatlicher Raubzug gegen die Kirche funktioniert – wenn man ihn juristisch sauber verpackt.


Ein Wolf im kirchlichen Ornat – die Enteignung des Klerus


Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein Bischof den entscheidenden Vorschlag machte, die Kirche zu plündern. Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, Bischof von Autun und der wohl kalkulierteste Realpolitiker seiner Epoche, betrat am 10. Oktober 1789 das Rednerpult. Seine Argumentation war ein juristisches Meisterstück der Enteignung. Er behauptete, der Klerus sei gar kein Eigentümer der Ländereien, sondern lediglich deren Verwalter. Da die Nation nun die Aufgaben der Kirche (Armenfürsorge, Bildung, Priestergehälter) übernehme, fielen die Vermögenswerte logischerweise an den Staat zurück.


Am 2. November 1789 fiel die Entscheidung. Mit 568 zu 346 Stimmen beschloss die Nationalversammlung, die Kirchengüter „der Nation zur Verfügung zu stellen“ (mis à la disposition de la nation). Über Nacht wechselten schätzungsweise 10 bis 15 Prozent des gesamten französischen Grund und Bodens den Besitzer. Der Wert dieser Immobilien und Ländereien war gigantisch: ca. 3 Milliarden Livres. Die Staatsschulden Frankreichs betrugen zu diesem Zeitpunkt grob zwischen 4 und 5 Milliarden Livres.


Damit war das Problem der Solvenz theoretisch gelöst. Der Staat besaß nun Vermögenswerte, die die Staatsschulden deckten. Doch es gab ein praktisches Problem: Man kann einen Gläubiger nicht mit einem Stück Kirchturm oder einem Hektar Acker auszahlen. Die illiquiden Immobilien mussten „monetarisiert“ werden. Das war die Geburtsstunde der Assignaten.


Die Verbriefung der Beute: Das erste Mortgage-Backed-Security


Die Nationalversammlung stand vor einem logistischen Problem: Sie besaß nun zwar Immobilien im Wert von Milliarden, musste aber laufende Rechnungen und fällige Zinsen in Livre bezahlen. Die Lösung, die im Dezember 1789 präsentiert wurde, war revolutionär und modern zugleich: Die Verbriefung der Assets.


Man schuf die Assignaten. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Papiere ursprünglich kein Bargeld waren. Es waren Schuldverschreibungen (Staatsanleihen), die mit einem ordentlichen Zinssatz von 5 Prozent ausgestattet waren. Sie waren durch die beschlagnahmten Kirchengüter besichert. Wer Assignaten besaß, hatte ein Vorzugsrecht beim Kauf dieser Ländereien. Sobald das Land gekauft wurde, flossen die Assignaten an den Staat zurück und wurden verbrannt. Die Konstruktion war ein klassisches, durch Vermögenswerte gesichertes Finanzprodukt – heute würde man sagen: ein Asset-Backed Security oder genauer ein Mortgage-Backed Security.


Dieser in sich geschlossene Kreislauf hätte in normalen Wirtschaftszyklen zu einer langsamen und sehr erfolgreichen Entschuldung führen können, da die beschlagnahmten Kirchengüter einen außerordentlich wertvollen und über Jahrhunderte gewachsenen Immobilienbesitz in besten Lagen darstellten. Aber die Zeiten waren alles andere als friedlich. Im Februar 1792 begann der Staat, die Vermögen der geflohenen Adligen (Émigrés) zu beschlagnahmen, um weitere Sicherheiten zur Deckung der Assignaten zu beschaffen. Es war die zweite große „Kapitalerhöhung“ der Revolution auf Kosten privater Eigentümer, die Historiker im Wert auf 700 Millionen bis 1,2 Milliarden Livres schätzen. In ihrem jugendlichen Leichtsinn und in völliger Selbstüberschätzung erklärte die Nationalversammlung noch zusätzlich Österreich und Preußen den Krieg. Die Ereignisse überschlugen sich nun in einer Kaskade, die jede Haushaltsplanung pulverisierte.


Das Datum der Kriegserklärung, der 20. April 1792, markierte den „Point of no Return“. Ab diesem Moment bestimmten nicht mehr Buchhalter das Tempo der Geldschöpfung, sondern Generäle.


Systemkollaps: Das Ende des Ancien Régime


Im August 1792 stürmte das Volk die Tuilerien, die Monarchie fiel. Am 21. September wurde die Republik als neue Staatsform ausgerufen. Mit der Hinrichtung Ludwigs XVI. am 21. Januar 1793 verbrannte Frankreich alle diplomatischen Brücken und vollzog den totalen Bruch mit allen europäischen Königshäusern.


Die Folge war ein Krieg nicht mehr nur gegen Österreich und Preußen, sondern gegen fast ganz Europa (Großbritannien, Spanien, Niederlande). Um gegen diese Übermacht zu bestehen, tat die Republik das Unvorstellbare: Sie führte mit der Levée en masse die allgemeine Wehrpflicht ein. Aus einer Armee von Berufssoldaten wurde ein Volksheer von über 1,2 Millionen Mann.


Das finanzielle Desaster der jungen Republik


Diese gigantische Maschinerie musste ernährt, gekleidet und bewaffnet werden. Das ursprüngliche Konzept der Assignaten – „Drucke Papier nur, wenn Land verkauft wird“ – war für diese Geschwindigkeit viel zu langsam. Kriege verlangen sofortige Liquidität. Man konnte nicht warten, bis ein Notar einen Klosterverkauf abgewickelt hatte, während an der Grenze die Preußen standen.


Also entkoppelte man die Druckerpresse von der Realität. Die Assignaten mutierten endgültig vom soliden, hypothekenbesicherten Wertpapier zum reinen Fiat-Geld ohne Anker. Um das Defizit des Krieges zu decken, wurde gedruckt, was die Maschinen hergaben. Das Angebot an Papiergeld explodierte, während das Warenangebot durch den Krieg schrumpfte.


Das Ergebnis war die erste Hyperinflation der Moderne, die zu einer weiteren Radikalisierung der Revolution beitrug und vielen Handwerkern sprichwörtlich den Kopf kostete.


Revolutionärer Terror als brutales Management-Tool



Eine der faszinierendsten Episoden der Revolution muss jedoch erzählt werden, da sie ein Musterbeispiel dafür ist, wie man eine zusammenbrechende Organisation durch extreme Härte und totale Umverteilung in nur wenigen Wochen saniert. Schauplatz ist Straßburg und die Rheinarmee, die sich zu diesem Zeitpunkt in einem katastrophalen Zustand befand. Die Soldaten waren demoralisiert, hungerten und liefen in Lumpen herum. Die Generäle waren meist noch alte Adlige, denen man (oft zu Recht) unterstellte, insgeheim auf eine Niederlage zu hoffen, um die Monarchie wiederherzustellen. In Straßburg selbst lebten die reichen Bürger im Luxus, während die Soldaten vor den Toren verhungerten. Robespierre entsandte seinen „Erzengel des Todes“ Louis Antoine de Saint-Just, seinen ideologischen Zwilling und zugleich schärfstes Schwert, um die Situation zu bereinigen. Saint-Just war noch ausgesprochen jung (25 Jahre alt) und wird in den Geschichtsbüchern als bildschön, modisch gekleidet, hochintelligent, arrogant und unnahbar beschrieben. Er starb nur ein Jahr später und veränderte doch die Geschichte.


Als Saint-Just in Straßburg eintraf, zögerte er nicht lange. Seine erste Maßnahme war die Etablierung einer Diktatur der Notwendigkeit. Dann säuberte er das Offizierskorps. Er ließ General Isambert wegen Zögerns vor der Front erschießen. Unfähige Offiziere wurden gefeuert, fähige Unteroffiziere befördert. Talent zählte mehr als Herkunft. Das hob die Disziplin und Moral der Truppe insgesamt.


Um die Truppen besser auszurüsten, erließ er gegenüber der Straßburger Verwaltung die berühmte Schuh-Order: „10.000 Mann der Armee sind barfuß. Ihr nehmt den Aristokraten von Straßburg die Schuhe weg, und morgen um 10 Uhr vormittags müssen die 10.000 Paar Stiefel auf dem Weg zum Hauptquartier sein.“ Dann forderte er von den 193 reichsten Bürgern eine Zwangsabgabe über 9 Millionen Livres, die innerhalb von 24 Stunden abzuliefern war. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, ließ er eine Guillotine auf dem Marktplatz aufbauen, damit die Botschaft unmissverständlich war.


Es gab keine Diskussion, keine Bürokratie. Am nächsten Tag hatten die Soldaten Schuhe und der Großteil der gigantischen Summe war aufgebracht. Saint-Just steckte nichts davon in die eigene Tasche, sondern füllte die Kriegskasse auf. Im Dezember 1793 gelang der Durchbruch: Die Österreicher wurden zurückgeschlagen, Landau wurde entsetzt, das Elsass war gerettet. Saint-Just bewies damit zwei Dinge: Erstens, dass der revolutionäre Staat einen totalen Krieg führen konnte – ein Vorbote der modernen Kriegsführung. Und zweitens, dass der Staat im absoluten Notstand das Privateigentum komplett aushebeln kann. Es war der Übergang vom Fiscal-Military-State (der sich Geld leiht) zum Revolutionären Raubstaat (der sich Geld nimmt).


Neun Millionen Livres – das klingt abstrakt. Um die Wucht dieser Maßnahme zu begreifen, wagen wir ein Gedankenexperiment für die Gegenwart: Deutschland wird angegriffen, die Bundeswehr steht an der Oder, schlecht ausgerüstet und demoralisiert. Ein Abgeordneter der neuen Notstandsregierung reist mit einer Tausendschaft fanatischer Soldaten nach Frankfurt am Main und übernimmt die Stadtverwaltung. Per Erlass fordert er von den 200 reichsten Bürgern der Stadt eine Zwangsabgabe von 8 Milliarden Euro, zahlbar innerhalb von 24 Stunden. Die Ansage ist unmissverständlich: Wer nicht zahlt, wird öffentlich vor dem Römer erschossen. Genau das war die Realität im Elsass 1793.


Die Guillotine als Notenpresse der radikalen Republik


Die Guillotine steht sinnbildlich für den Terror der französischen Revolution, aber sie war nicht nur eine reine Tötungsmaschine. Wer zum Staatsfeind erklärt wurde, verlor nicht nur seinen Kopf, sondern auch sein gesamtes Vermögen an den Staat. Und sie sorgte dafür, dass Gold und Silber wieder in den Umlauf kamen, denn das Horten wurde ebenfalls mit dem Tode bestraft. Wenn in einem Wirtschaftskreislauf inflationäres Papiergeld dominiert, verdrängt es „gutes“ Geld wie Gold und Silber, das eherne ökonomische Gesetz tritt in Kraft, das bereits im 16. Jahrhundert von Sir Thomas Gresham formuliert wurde.


In der Phase des "Terreur" (1793–1794) richtete sich die Guillotine gezielt gegen die Finanzelite: Das berühmteste Beispiel ist die Hinrichtung der Steuerpächter. Diese privaten Finanzunternehmer hatten unter dem König die Steuern eingetrieben und waren extrem reich. Im Mai 1794 wurden 28 von ihnen an einem Tag geköpft, darunter der berühmte Chemiker Antoine Lavoisier. Man geht insgesamt davon aus, dass die offiziell beschlagnahmten Güter der Verurteilten (Adel, Klerus und reiches Bürgertum) einige hundert Millionen Livres wert waren. Aber all dieses beschlagnahmte und geraubte Geld reichte nicht aus, um die ständigen Kredit- und Zinsforderungen zu bedienen und zu besichern. Nach dem Sturz Robespierres und dem Ende des Terrors (1794) stand Frankreich vor den Trümmern seiner Währung. Das Experiment der Assignaten war gescheitert. Das Papiergeld war wertlos, die Wirtschaft am Boden und der Staat hatte kaum noch Einnahmen, aber gigantische Schuldenberge in den Büchern. Der Staatsbankrott war unausweichlich geworden, und am 30. September 1797 verkündete Finanzminister Ramel den von Historikern als „Banqueroute des deux tiers“ (Der Bankrott der zwei Drittel) bezeichneten Schuldenschnitt. Ein Drittel der Staatsschulden wurde anerkannt. Diese Summe wurde in das „Große Buch der Staatsschuld“ eingetragen und der Staat versprach, darauf (irgendwann) wieder Zinsen zu zahlen. Die restlichen zwei Drittel wurden in praktisch wertlosen Gutscheinen ausbezahlt. Für die Rentiers, die Bürger, die 1789 die Revolution unterstützt hatten, um ihr Geld zu retten, war es der totale Ruin. Die Revolution, die angetreten war, um den Bankrott des Königs zu verhindern, endete mit dem Bankrott der Republik. Die „heilige Schuld“ (la dette sacrée) war geopfert worden. Hier endet die Finanzgeschichte hinter der französischen Revolution, und sie zeigt grausam und blutig, wie ein Geldsystem implodiert.


Das finanzielle Erbe der Revolution – der Franc Germinal


Doch für den Staat war es die Rettung. Die Zinslast sank über Nacht von 250 Millionen Francs auf handhabbare 83 Millionen. Der Haushalt war saniert. Ramel hatte den Weg freigemacht für Napoleon Bonaparte.


Als Napoleon 1799 die Macht übernahm, fand er dank Ramels „Blutbad an den Gläubigern“ eine bereinigte Bilanz vor. Mit der Gründung der Banque de France 1800 institutionalisierte er das französische Finanzsystem. Sie war keine Kopie der Bank of England, sondern die französische Antwort, um das Geldwesen zu zentralisieren. Napoleon konnte daraufhin den Franc Germinal (1803) einführen – eine goldgedeckte, extrem stabile Währung, die ein ganzes Jahrhundert (bis 1914) halten sollte. Die Ironie der Geschichte: Das stabile Fundament des 19. Jahrhunderts wurde auf dem Grab der Gläubiger des 18. Jahrhunderts errichtet. Frankreich hatte gelernt, dass ein modernes Geldsystem ohne Credible Commitment und effiziente Besteuerung im Chaos endet – eine Lektion, die im 19. Jahrhundert die Industrialisierung prägen sollte.


Wie sich das Geldsystem unter der Ägide des Goldstandards im 19. Jahrhundert weiterentwickelte und welche Rolle die Industrialisierung dabei spielte, lesen Sie im nächsten Teil unserer Serie.

 














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