Finanzgeschichte: Die Entwicklung des Geldsystems – Von der feudalen Willkür zur institutionellen Sicherheit | Teil 2
- Thomas Hartz
- 22. Okt. 2025
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Dez. 2025

Die Architektur des Geldsystems: Wie Kapital Sicherheit sucht und der Handel folgt
Im letzten Artikel haben wir die Spannungsfelder offengelegt, die einem Kredit- und Zinsbasierten Geldsystem innewohnen. Das Zinsparadoxon erzwingt dabei entweder eine ständige Ausweitung der Geldmenge oder eine harte Umverteilung. Der erste Riss im Geldsystem erscheint, sobald die durch Zins und Zinseszins exponentiell wachsende Geldmenge sich vom tatsächlichen Wirtschaftswachstum entkoppelt.
Der Kipppunkt wird dann erreicht, wenn Schulden und Zinslast ein absurdes Niveau erreichen. Absurd ist kein wissenschaftlicher Begriff, aber unser Geldsystem ist auch kein natürliches Phänomen, sondern ausschließlich aus dem menschlichen Geist heraus entstanden. Ein exponentiell wachsendes Geldsystem in einer natürlichen Welt zu verankern, ist mit Abstand betrachtet schlicht absurd.
Finanzgeschichte der Staatsschulden: Die systemische Schwachstelle im Geldsystem
Theoretisch ließe sich argumentieren, das System sei kontrollierbar. Doch eine nähere Betrachtung der Finanzgeschichte enthüllt weitere fundamentale Spannungsfelder: Insbesondere die fatale Liaison des Staates als größtem Kreditnehmer auf der einen Seite und den Kapitalsammelstellen als größten Kreditgebern auf der anderen führt unweigerlich zu systemischen Krisen.
Da permanentes Wachstum nicht möglich ist, muss theoretisch umverteilt werden. Je länger diese Umverteilung hinausgezögert wird, desto heftiger fällt die anschließende Entladung aus. Aber selbst wenn die Umverteilung dauerhaft gelänge, würde sich Kapital erneut ansammeln und dem Wirtschaftskreislauf entzogen – mit all seinen deflatorischen Auswirkungen.
Alternativ würde sich das Kapital einen neuen Wirtschaftsraum suchen, in dem es durch Kredite und Zins weiterwachsen kann. Wie man es dreht und wendet: Es gibt keinen Ausweg; irgendjemand muss zum Schluss die offene Rechnung begleichen. Im Mittelalter war die Enteignung der Gläubiger das letzte Mittel, wenn aus der Bevölkerung keine höheren Abgaben und Steuern mehr erzwungen werden konnten, um das Spannungsfeld zu entladen.
Geldsystem im Mittelalter: Monarchische Willkür und die Entladung von Schuldenzyklen
Das Beispiel der Fugger aus Augsburg diente dieser Veranschaulichung. Sie waren ein prominentes, aber bei Weitem nicht das einzige Beispiel: Die Finanzgeschichte des frühen Geldsystems ist vielmehr eine Chronik von Staatsüberschuldung auf der einen und großem privatem oder institutionellem Vermögen auf der anderen Seite. Der schnellste Ausweg für die hoch verschuldeten Monarchen war dabei stets die Enteignung, meist rechtlich gestützt oder gewaltsam, um die Schulden zu annullieren.
Finanzgeschichte der Entschuldung: Enteignung als letztes Mittel im Geldsystem
Hier ein kurzer Überblick über weitere historisch dokumentierte Fälle:
Die früheste Hauptbank des Christentums waren die Tempelritter. Ihr weitreichendes Filialnetz, das sich über weite Teile Europas und Nordafrika erstreckte, machte sie zum Hauptfinanzier der französischen Monarchie. Als König Philipp IV. so hoch verschuldet war, dass dieser seine Machtbasis als bedroht sah, ließ er den Orden 1307 zerschlagen und das Vermögen einziehen, getarnt als Inquisition – eine gewaltsame Enteignung, bei der die Schuldscheine demonstrativ verbrannt wurden. Der damalige Anführer der Templer, Großmeister Jacques de Molay, wurde schließlich am 18. März 1314 auf einer Insel in der Seine in Paris als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Seine Hinrichtung besiegelte endgültig das Ende der militärischen und finanziellen Macht des Templerordens.
1345 folgten bereits die Florentiner Bankhäuser Bardi und Peruzzi, als das englische Königshaus nach dem Hundertjährigen Krieg den Zahlungsausfall erklärte. Der Kollaps beider Bankhäuser löste eine schwere Finanzkrise in Florenz und ganz Europa aus und markierte das Ende der toskanischen Vormachtstellung im internationalen Bankwesen.
Der Fall der Medici im 15. Jahrhundert zeigt, dass selbst die engste Verflechtung von politischer Macht und finanziellem Kapital nicht vor dem Untergang schützt. Die Bank wurde schließlich 1494 nach der Vertreibung der Medici aus Florenz geschlossen.
Nach den Fuggern wurden die Genueser Banken von den Habsburgern durch wiederholte Staatsbankrotte in den Abgrund gerissen.
Isaac Abrabanel, ein historisch gut dokumentierter Hoffinanzier der Spanischen Krone, ließ 1492 einen Teil seines Vermögens zurück und floh nach der Vertreibung der Juden durch das Alhambra-Edikt nach Italien.
Kolonisation und Geldsystem: Wie Expansion das Finanzsystem stabilisierte

Mit Beginn des 16. Jahrhunderts brach eine neue Epoche an, die dem latent krisenanfälligen, kredit- und zinsbasierten Geldsystem eine beispiellose Entwicklungschance bot: die Große Zeit der Entdeckungen und die anschließende Kolonisation.
Finanzgeschichtliche Lösung des Zinsparadoxons durch Expansion und Eroberung
Anstatt sich in ständiger Umverteilung zu bekriegen, eröffnete die Expansion die Möglichkeit, das Zinsparadoxon auf globaler Ebene zu lösen. Die Kolonien wurden zur neuen Quelle realen Reichtums.
Die Geldmenge konnte nun durch neue Gold- und Silberminen ausgeweitet werden, die das Wachstum der Schulden und Zinsen unterfütterte und besicherte. Was in Europa zur Instabilität führte, wurde durch Eroberung im großen Stil zur Grundlage neuer Stabilität. Diese gewaltige Umverteilung vollzog sich nun im globalen Stil: weg von den Kolonien, hin zu den europäischen Seefahrer-Nationen. Aber auch das war nur eine zeitliche Lösung, denn sobald die große Welle der Kolonisation abgeschlossen war, begann der Umverteilungskampf erneut. Reichtum ist relativ und reduziert auf das Wesentliche nichts anderes als eine ungleichmäßige Verteilung.
Das Geldsystem im Umbruch: Die Flota de Indias und die Preisrevolution Europas
Nun stellt die Entdeckung eines Kontinents eine herausragende Leistung dar, die ohne Kredite und die Aussicht auf wirtschaftliche Erfolge schwer realisierbar erscheint. Hier zeigt sich natürlich auch die schöpferische Seite des Kreditsystems. Aber es muss auch gesagt werden, dass kein europäisches Land Handelsdelegationen und Diplomaten ausgesendet hat, die friedliche Kontakte zu den Einwohnern aufbauen sollten – sondern militärisch ausgerüstete Konvois, die den Auftrag hatten, Gold, Silber, Gewürze und wertvolle Rohstoffe für die Krone zu erobern. Die Spanische Silberflotte, die Flota de Indias, soll hier exemplarisch dienen: Sie war nicht nur ein Waren- oder Schatztransport, sondern die Aorta des modernen europäischen Kreditsystems ab 1561. Ohne das Silber aus der Neuen Welt hätte das exponentiell wachsende, zinsbasierte Geldsystem Europas im 16. Jahrhundert den systemischen Kollaps erlitten. Der größte Teil des Silbers war bereits vorab verpfändet oder zur Begleichung von Schulden der spanischen Krone reserviert, die den gesamten Eroberungsfeldzug finanziert hatte. Ein Großteil des Silbers verließ Spanien in der Folge schnell wieder, um die europäischen Handelsbilanzen auszugleichen. Auch der aufblühende Handel mit Asien entzog Silber, die Handelsbilanz war negativ, da mehr importiert als exportiert wurde.
Die Europäische Preisrevolution (1561–1650): Inflation als Mechanismus der Umverteilung
Der Zustrom aus den Minen von Potosi, dem heutigen Bolivien, war so konstant, dass eine Welle der Inflation die Preise in Europa deutlich ansteigen ließ. Diese Periode wird historisch die Preisrevolution genannt, sie hatte massive Auswirkungen auf die Bevölkerung und führte zu einer tiefgreifenden Umverteilung von Vermögen. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts stiegen die Preise für Waren und Grundnahrungsmittel um 300 bis 400 Prozent.
Kapitalströme in der Finanzgeschichte: „Follow the Money“ im globalen Geldsystem
Blickt man aus einer übergeordneten Perspektive auf diese Zeit, und beachtet man dabei das investigative Leitbild follow the money, enthüllt man eine markante Auffälligkeit. Nur wo überschüssiges Kapital und Expertise vorhanden ist, können Expeditionen gestartet werden. Und – noch wichtiger: Kapital folgt der Sicherheit, und der Handel folgt dem Kapital. Das ist der Leitgedanke, den wir in diesem Artikel verfolgen. Dabei beleuchten wir die Rolle der jüdischen Gemeinschaften.
Das sephardische Kapital gepaart mit dem kulturellen Wissen der Gemeinden spielt in der Entwicklung des Geldsystems und der Kolonisation eine bedeutende Rolle, und ihre systematische Vertreibung verschiebt die Machtverhältnisse nachhaltig.
An dieser Stelle ist eine historische Klarstellung notwendig: Die Analyse der Kapitalströme und -netzwerke, die nun folgt, ist eine systemische. Sie darf unter keinen Umständen mit den antisemitischen Narrativen des „Wuchers“ oder der „Finanzverschwörung“ verwechselt werden. Die Rolle jüdischer Gemeinden als Kreditgeber und Finanzagenten war eine historisch erzwungene ökonomische Nische, die durch das Zinsverbot der christlichen Kirche und die gesellschaftliche Ausgrenzung geschaffen wurde. Die daraufhin folgenden Pogrome und Vertreibungen waren die brutale Konsequenz dieser religiös und politisch institutionalisierten Ausgrenzung.
Wissen und Kapital in der Finanzgeschichte: Kartografie, Handel und Macht im Geldsystem

Ein kurzer historisch Überblick ist nötig, wie die damals bekannte Welt aufgeteilt war. Es gab drei monotheistische Hauptreligionen, das Judentum (seit 2000 v.Chr.), das Christentum und den Islam (ab 7. Jahrhundert). Alle drei Religionen stimmen im Alten Testament überein, gehen aber bei der Deutung und der Frage des Messias auseinander. Europa war stark christlich geprägt, das ist der spätrömische Einfluss. Als es zur römischen Staatsreligion erklärt wurde, erbte die Kirche einen Großteil der Tempelanlagen der vormals polytheistischen Staatsreligion, die im Laufe der Jahrhunderte große Vermögen und Ländereien angehäuft hatte. Nach dem Zerfall des Römischen Imperium stieg die Kirche über Nacht zu einer institutionelle Großmacht auf und war direkt mindestens auf Augenhöhe mit den frühen Monarchen Europas.
Zudem war der christliche Glaube recht attraktiv und verbreitete sich schnell auch unter heidnischen Stämmen, bot er doch Seelenheil für alle und, vielleicht noch wichtiger, einen freien Tag pro Woche, den Sonntag. Als Institution unterlag sie keiner Erbteilung. Im Gegenteil, über die Jahrhunderte fielen ihr oft Ländereien durch Erbschaften zu, wenn Seuchen und Krankheiten wüteten. So entwickelte sie sich zum größten Grundbesitzer Europas und besaß beachtliche Reichtümer.
Das Verhältnis zur jüdischen Religion war gespalten, der Vorwurf des „Gottesmörder“ wog schwer. Die christliche Religion verbot offiziell die Zinsnahme, das sogenannte kanonische Zinsverbot, aber auch hier ist die Haltung der Kirche gespalten, denn inoffiziell gab es viele Schlupflöcher, um das Zinsverbot zu umgehen. Die jüdische Religion spricht sich auch gegen die Zinsnahme aus, aber nur untereinander, gegenüber Nicht-Juden war sie toleriert.
Judentum und Christenheit sind sehr eng miteinander verflochten. Das Judentum war aufgrund seines Alters weit verzweigt in Europa und trug maßgeblich zur schnellen Verbreitung des Christentum bei, da die ersten Christen meist konvertierte Juden waren. Das Herkunftsland Judäa lag an einer zentralen Handelsroute zwischen Asien und Europa, das förderte den Aufbau internationaler Handelsnetzwerke und Stützpunkte.
Diese anfänglich noch geduldete Koexistenz beider Religionen endete mit dem Konzil 1215, in dem die Kirche die jüdische Gemeinschaft systematisch ausgrenzt. Landbesitz und traditionelle Berufe wurden erst erschwert und später gänzlich verwehrt. Das drängte die Juden in das Kreditgewerbe. Und jede andere so ausgegrenzte Bevölkerungsgruppe übrigens genauso. Während das kanonische Zinsverbot der Kirche de facto ein Monopol auf die Geldleihe schuf, eine Ironie der Geldgeschichte, füllten sie eine unverzichtbare ökonomische Nische und avancierten zu unentbehrlichen Finanziers der Fürsten und Könige.
Ihre Funktion beschränkte sich jedoch keineswegs auf die reine Kreditvergabe zur Staatsfinanzierung. Sie übernahmen oft zusätzlich die Rolle des Schatzmeisters und des Steuereintreibers, was unmittelbar zur Refinanzierung der gewährten Kredite diente. Gerade diese exponierte und komplexe Doppelrolle sicherte zwar ihre Geschäfte, machte sie aber bei der Bevölkerung höchst unbeliebt.
Die meisten Juden waren arm, aber die wenigen Hofjuden oder Finanzagenten wie Isaac Abrabanel konnten große Reichtümer anhäufen. Sie agierten als geschützte, aber jederzeit absetzbare Funktionäre. Ihr Erfolg war direkt an die Gunst des Monarchen gebunden. Die Tatsache, dass die Könige Isabella und Ferdinand von Spanien im Jahr 1492 bis zuletzt versuchten, Abraham Senior zur Konversion zu bewegen, zeigt die extreme Notwendigkeit seiner administrativen und finanziellen Expertise. Abrabanels eigenes Angebot von 30.000 Dukaten (ca. 45 Millionen Euro heutiger Kaufkraft) als Lösegeld für die gesamte jüdische Gemeinschaft zeigt die Größenordnung des Kapitals, das er unmittelbar kontrollierte und mobilisieren konnte.
Jüdische Finanznetzwerke und ihr Beitrag zur europäischen Geldgeschichte
Sie waren aber auch in intellektuellen Berufen wie der Medizin und der Kartographie spezialisiert. Die wissenschaftliche Exzellenz jüdischer Gelehrter in Astronomie und Kartografie im europäischen Mittelalter und der frühen Neuzeit entstand durch eine einzigartige Kombination aus Notwendigkeit und kultureller Freiheit.
Diese Exzellenz manifestierte sich in berühmten Gelehrten wie Abraham Zacuto, dessen astronomische Tafeln die Navigation von Seefahrern wie Vasco da Gama und Christoph Kolumbus entscheidend unterstützten. Ohne die Zuverlässigkeit dieser Tabellen wäre das Risiko der Navigation auf unbekannten Weltmeeren unkalkulierbar gewesen. Abraham Cresques, Vertreter der mallorquinischen Kartografenschule im 14. Jahrhundert, schuf die wohl wichtigste Karte des Mittelalters, den Katalanischen Weltatlas. Er vereint nicht nur die damaligen Handelsrouten im Mittelmeer, sondern erweitert sie nach Norden und Osten und stellt die damals bekannte Welt detailliert dar.
Der entscheidende Motor war die religiöse und ökonomische Notwendigkeit. Erstens schuf das Erfordernis, den komplexen Lunisolarkalender korrekt zu fixieren, um die Daten religiöser Feste festzulegen, eine starke und kontinuierliche Tradition der astronomischen und mathematischen Bildung. Darüber hinaus agierten jüdische Gelehrte als kulturelle Brückenbauer, indem sie das antike Wissen, insbesondere aus dem Griechischen, bewahrten und zwischen der arabischen und der lateinischen Welt übersetzten.
Zweitens trieb der transnationale Fernhandel der sephardischen Netzwerke die Kartografie und Navigation voran: Fundiertes Wissen über Geografie, Seerouten und die Beherrschung von Navigationsinstrumenten war für die Sicherheit von Waren und Kapital unerlässlich. Die wichtigste legale Einnahmequelle war der Handel mit Gütern, die nicht streng zunftreglementiert waren, wie z.B. Gewürzen und Seide. Die weit verzweigten jüdischen Gemeinden in Europa und Nordafrika boten dabei ideale Vertrauens- und Kommunikationsnetzwerke für den überregionalen Handel und den Kapitaltransfer.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Wissen und das Kapital der sephardischen Netzwerke hatte seinen Ursprung im Handel und wurde durch die Ausschlüsse und Religion konzentriert. Die Gemeinden entwickelten sich zu Kapitalsammelstellen im System, ihre Liquidität wuchs durch den Zinshebel. Im Mittelalter waren Zinssätze von fünf bis 20 Prozent üblich – und wie wir schon gezeigt haben, des einen Freud, des anderen Leid. Das war gleichzeitig der Nährboden für Pogrome und Vertreibung.
Finanzgeschichte des Kapitaltransfers: Vom iberischen Raum zu Europas neuen Finanzzentren

Um 1300 lebte auf der Iberischen Halbinsel die größte und intellektuell bedeutendste jüdische Gemeinschaft Europas, gefolgt von Italien. 1391 markierte den Wendepunkt: Die massiven Pogrome, die in Sevilla begannen und sich über ganz Kastilien und Aragon ausbreiteten, dezimierten die jüdischen Gemeinden in Spanien, zwangen viele zur Konvertierung – und zur Flucht nach Portugal. Das markiert den Beginn der „Sephardische Diaspora“, übersetzt „Die Zerstreuung der spanischen Juden“ – und des Aufstiegs Portugals zur führenden Seemacht.
Ohne die Geschichte alleine darauf reduzieren zu wollen, hier die historischen Fakten zum Handel: Zu Beginn der europäischen Expansion ab 1450 waren etablierte europäische Handelszentren wie Venedig, Genua sowie die von Spanien und Portugal dominierten Häfen Sevilla, Cádiz, Lissabon und Antwerpen die wichtigsten Umschlagplätze für Überseewaren. Lissabon und Antwerpen profitierten direkt vom Goldenen Zeitalter der Portugiesen, während die spanischen Häfen an Bedeutung verloren.
Aber auch in Portugal waren Juden nicht sicher. 1497 erzwang der portugiesische König Manuel I. die Zwangsbekehrung. Die Inquisition, eine unglaublich grausame Form der Gerichtsbarkeit, wurde später eingeführt, um die Zwangskonvertiten Conversos zu überwachen. Nach der Vertreibung aus Portugal zog ein erheblicher Teil der sephardischen Kaufleute und Conversos nach Antwerpen. Sephardisches Kapital half beim Aufbau des Finanzwesens und der Börse. Die Belagerung und Zerstörung Antwerpens durch spanische Truppen (die "Spanische Furie" 1576) und vor allem die Schließung der Scheldt-Mündung durch die Holländer zerschlugen die kommerzielle Dominanz der Stadt. Das Kapital, die Expertise und die Netzwerke flossen in die Niederländische Republik Holland im Norden.
Mit dem Aufstieg der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande ab 1585 begann das Goldene Zeitalter der Holländer. Amsterdam bot die notwendige religiöse Toleranz und den politischen Rechtsstaat durch die Generalstaaten. Die politischen und finanziellen Innovationen der Republik, einschließlich der Gründung der Amsterdamsche Wisselbank (AWB), machten Amsterdam zur dominierenden Finanzmetropole Europas und zum Dreh- und Angelpunkt des internationalen Handels. Die Abwanderung von Antwerpen nach Amsterdam war damit der entscheidende Kapitaltransfer, der das Goldene Zeitalter der Niederlande begründete.
Der Ursprung des modernen Geldsystems: Holland und die Geburt des Kapitalismus
Nach der Befreiung von der spanischen Fremdherrschaft etablierten sich die Niederlande als eine frühe oligarchische Staatsform. Sie zeichneten sich durch eine hohe religiöse Toleranz aus, während Reichtum ideologisch und moralisch gefestigt war. Sie gelten als die Erfinder des Kapitalismus, der Schutz des Kapitals vor politischer Willkür war ein Leitgedanke. Die Etablierung der Niederlande als handelsgetriebene Republik markierte somit einen Wendepunkt im Verhältnis von Kapital und politischer Macht: Die Macht diente dem Kapital, nicht umgekehrt, wie es die Fugger oder Templer erlebt hatten.
Amsterdam in der Finanzgeschichte: Der Rechtsstaat als Fundament des Geldsystems
Das wichtigste Regierungsorgan waren die Generalstaaten, eine Versammlung von reichen Patriziern, die sieben Provinzen unter sich vereint hatten. Sie waren es auch, die 1602 die VOC gründeten, die erste Aktiengesellschaft der Welt. Sie ist uns meist unter dem Namen Niederländische Ostindien-Kompanie geläufiger, und war eines der ersten global agierenden Unternehmen mit staatlichen Exekutivrechten. Sie durfte Krieg führen, Söldner anwerben, Land in Besitz nehmen und besteuern und hatte Handelsmonopole per Gesetz. Sie avancierte in Verbindung mit einem stabilen Banksystem zum größten Unternehmen der Welt.
Aber auch sie war ein reiner Eliteclub und keine Volksaktie. Bei Ausgabe der Aktien zu einem Nennwert von 3000 Gulden entsprach dies etwa dem zehnfachen Jahreseinkommen eines Handwerkers.

1609 wurde die Amsterdamer Wechsel Bank gegründet, um das chronische Problem der Währungsunordnung zu lösen. Im 17. Jahrhundert zirkulierte in Amsterdam eine unüberschaubare Vielfalt an Münzen aus ganz Europa, deren Wert und Feingehalt ständig schwankte. Die AWB bot eine sichere, einheitliche Rechnungseinheit und eine zentrale Clearingstelle für alle großen Wechsel und Zahlungen. Händler konnten ihre Münzen dort hinterlegen und erhielten im Gegenzug Gutschriften auf ihren Konten (sogenanntes Bankgeld), das als stabil und vertrauenswürdig galt. Diese Guthaben konnten auch miteinander verrechnet werden, ein Händler aus Lissabon konnte mit einem Lübecker Kaufmann seine Forderungen ausgleichen.
Die AWB wurde von der Stadt Amsterdam garantiert und gewährleistete so die Sicherheit der Einlagen, auch unabhängig von der Religionszugehörigkeit der Einleger. Dies zog enormes Kapital an, insbesondere sephardisches und etablierte Amsterdam als den sichersten Finanzplatz Europas, was wiederum die Grundlage für die niedrigsten Zinsen schuf. Die sephardischen Gemeinden gründeten ab dem späten 16. Jahrhundert hochspezialisierte Handelshäuser und Wechselbanken. Namen wie Pereira oder Suasso dominierten den internationalen Kreditmarkt.
Der 30jährige Krieg brachte der AWB weitere immense Kapitalzuflüsse, insbesondere aus den vom Krieg betroffenen Regionen. Sie wurde zur wichtigsten Finanzinstitution, die das niederländische Goldene Zeitalter erst ermöglichte. Sie gilt als Blaupause für die Bank of England, obwohl sie selbst keine Banknoten ausgab. Sie war die Kapitalsammelstelle zum Ende des 17. Jahrhunderts, das Zinsniveau lag bei drei bis vier Prozent und Geld war reichlich vorhanden. Die Krise von 1672 war eine wichtige Bewährungsprobe, die den Ruf der AWB als sicherster Finanzplatz Europas zementierte – aber auch ihr verwundbare Seite offenbarte.
Invasion, Finanzkrise und Bank-Run 1672
Die AWB sah sich mit einer schweren Bank-Run-Situation konfrontiert, die unerwartete Invasion Frankreichs löste eine massive Panik an den Finanzmärkten aus. Kaufleute und Einleger versuchten, ihre Guthaben von der AWB in physisches Gold und Silber abzuheben, um es vor dem Zugriff feindlicher Truppen in Sicherheit zu bringen. Die AWB konnte ihre Einleger während dieser größten Finanzkrise des 17. Jahrhunderts vollständig auszahlen. Ihr Ruf basierte auf der Tatsache, dass sie Einlagen in Form von Münzen und Barren nahezu vollständig in ihren Tresoren hielt (ein Vorbild eines Vollreserve-Bankwesens). Die Bank brach unter der Last des Ansturms nicht zusammen, im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Instituten. Die Krise zeigte der europäischen Finanzwelt, dass die AWB – garantiert von der Stadt Amsterdam – selbst unter extremster militärischer Bedrohung solvent blieb. Dies festigte die weltweite Reputation der AWB und garantierte, dass Amsterdam bis zur Gründung der Bank of England als der sicherste Hafen für Kapital in Europa galt. Dies war eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das sephardische Kapital und andere europäische Vermögen dort konzentriert blieben. Aber die Krise hatte auch gezeigt, wie verwundbar Holland geopolitisch positioniert war.
Die Einlagen waren mittlerweile auf über 20 Millionen Gulden angewachsen und die Zinsen lagen bei moderaten drei bis vier Prozent, bevor sich in London 1694 mit der neuen Bank of England eine lukrative und ebenfalls staatlich gesicherte Anlagemöglichkeit ergab.
Mit der Gründung der Bank of England wanderte das Kapital über den Kanal, um das goldene Zeitalter des Britischen Empires einzuläuten. Zwar hatten die Engländer die Juden bereits 1290 vertrieben, aber die Zeiten hatten sich entscheidend weiter entwickelt.
Wie es zur Gründung der Bank of England kam, lesen Sie im nächsten Beitrag.


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