Das moderne Geldsystem: Wie die Bank of England die Geldgeschichte für immer veränderte | Teil 3
- Thomas Hartz
- 22. Okt. 2025
- 14 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Dez. 2025

Geldsystem und Geldgeschichte: Die Geburt der „Mutter aller Zentralbanken“
Die Gründung der Bank of England (BoE) ist ein Meilenstein in der Geldgeschichte. Sie wird gerne liebevoll die „Mutter aller Zentralbanken“ genannt, alle nach ihr gegründeten Zentralbanken diente sie ihnen als Leitbild. Obwohl der Name Bank of England eine staatliche Institution suggeriert, war sie ausschließlich in privater Hand. Erst 1946 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie voll verstaatlicht, der letzte Gründerkredit 1994 zurückgezahlt.
Reichtum, Handel und Imperium – Der Motor des britischen Empires
Ihre Gründung 1694 in London fällt in eine Zeit des großen gesellschaftlichen Umbruchs, der sogenannten Glorious Revolution von 1688. Ihr schloss sich die Financial Revolution an, die Historiker von 1690 bis 1700 einordnen. Sie legte das Fundament für langlebige Vermögen in Großbritannien. Die Reichtümer, die in dieser Ära begründet wurden und als Finanzinstitutionen oder Dynastien bis heute existieren, stammen in erster Linie aus den neuartigen Privatbanken und Aktiengesellschaften. Unter ihnen ist die fünftälteste Bank der Welt, die C. Hoare & Co. Privatbank, die von der elften Generation der direkten Nachkommen verwaltet wird. Oder die Coutts & Co. Privatbank, traditionell die Bank der britischen Königsfamilie. Oder die Bank of Scotland, heute Teil der Lloyds Banking Group.
Der gleiche Mechanismus, der zur Gründung der Bank of England führte, schuf auch andere langlebige Großkonzerne, deren Aktien die erste Form des organisierten Aktienhandels in London darstellten. Wie die Hudson´s Bay Company (HBC), ein Unternehmen, das den Pelzhandel in Nordamerika monopolisierte, heute als Holding existiert und die älteste nordamerikanische Aktiengesellschaft ist. Warum war dieses Geschäftsmodell so außerordentlich Erfolgreich?
Die Gründung der Bank of England fällt mitten in eine historische Periode, die nahezu optimale äußere Bedingungen für ein zinsbasiertes Geldsystem bot. Wie im ersten Teil unserer Serie dargelegt, benötigt ein solches System idealerweise exponentielles Wirtschaftswachstum, um die systemische Ausweitung der Geldmenge mit realen Werten zu unterfüttern und dem Zinsparadoxon zu entkommen. Die große Zeit der Kolonisation war dafür der ideale Rahmen. Da England unmittelbar nach Etablierung einer neuen Finanzstruktur sein Kolonialreich aufbaut, schmückt sich die Bank of England zu Recht mit dem Beinamen: "The Engine of the Empire." Wie wir im zweiten Teil unserer Serie dargelegt haben, folgt das Kapital der Sicherheit, und der Handel folgt dem Kapital. Die Bill of Rights und die Bank of England wirkten als unwiderstehlicher institutioneller Magnet. Sie zogen das reichlich vorhandene mobile Kapital, insbesondere die sephardischen Netzwerke, vom Kontinent ab und etablierten die City of London als neues globales Zentrum der Finanzmacht.
Um die Gründung historisch besser einordnen zu können, ist ein kurzer Rückblick in die englische Geschichte und über den Umgang mit den jüdischen Gemeinden nötig. Gerade dort kann man die systemische Entwicklung und die strukturellen Spannungsfelder des Geldsystems sehr deutlich nachzeichnen
Mittelalterliche Finanzkrisen: Zinsen und die systemischen Spannungen im frühen Geldsystem Englands
An dieser Stelle ist wieder eine historische Klarstellung notwendig: Die Analyse, die nun folgt, ist eine systemische. Sie darf unter keinen Umständen mit den antisemitischen Narrativen des „Wuchers“ oder der „Finanzverschwörung“ verwechselt werden. Die Rolle jüdischer Gemeinden als Kreditgeber und Finanzagenten war eine historisch erzwungene ökonomische Nische, die durch das Zinsverbot der christlichen Kirche und die gesellschaftliche Ausgrenzung geschaffen wurde. Die daraufhin folgenden Pogrome und Vertreibungen waren die brutale Konsequenz dieser religiös und politisch institutionalisierten Ausgrenzung.
Zwischen Schuld und Schicksal: Die Vertreibung der jüdischen Gemeinden
Im gesamten Mittelalter galten Juden in England rechtlich als Knechte des Königs, sie hatten keine eigenständigen Bürgerrechte wie der Adel oder die Christen. Im Gegenzug für ihren Status als direktes Eigentum der Krone erhielten sie königlichen Schutz vor der Verfolgung durch christliche Bevölkerungsgruppen. Gleichzeitig konnte der König die jüdische Gemeinschaft nach Belieben und ohne Zustimmung des Parlaments hoch besteuern und im Todesfall einen Großteil ihres Vermögens konfiszieren. Trotzdem füllten sie eine wirtschaftliche Lücke. Ohne sie hätten Kriege, Bauprojekte und der Adel selbst nicht finanziert werden können. Das ist ausreichend historisch belegt. Da die Zinsen auf dem Rücken der Schuldner erwirtschaftet wurden, kam es zwangsläufig zu einer Umverteilung von Land und Vermögen – weg vom Adel und den Bauern, hin zu den Gläubigern und der Krone.
Diese ständige, sichtbare und oft existenzielle Umverteilung war neben den religiösen Konflikten ein weiterer Katalysator für den Antisemitismus in der breiten Bevölkerung und bei den verschuldeten Adligen. Ein ethisch und rechtlich geächtete aber notwendige Zinsnahme führt in einer starren monetären Feudalgesellschaft unweigerlich zu massiver sozialer Spannung und gipfelt in Gewalt, Enteignung und sogar Vertreibung.
Alle drei Roten Fäden aus dem Leitartikel zur Serie ziehen sich konsequent durch die frühe Geschichte Englands und münden meist in der Enteignung des Gläubigers:
Aaron von Lincoln, gestorben 1186, galt als der reichste Mann Englands, reicher als König Heinrich II. Nach seinem Tod zog der König dessen gesamtes riesiges Vermögen als Heimfall an die Krone ein, wodurch der König Gläubiger von über 430 Adligen wurde. Dies war ein direkter Akt der Enteignung. Die Zahl 430 übersteigt die geschätzte Anzahl aller Barone und Earls zu dieser Zeit um ein Vielfaches. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass ein sehr großer und signifikanter Teil der gesamten Adelsschicht Englands zu Aarons Schuldnern zählte. Durch die Konfiszierung des Vermögens von Aaron von Lincoln erwarb der König auf einen Schlag eine gewaltige finanzielle Kontrolle über einen Großteil der englischen Elite. Diese Spannungen entluden sich in den späteren Baronskriegen ab 1215 und zwangen den König, die Magna Carta zu unterzeichnen. Dazu später mehr.

In York 1190 ereignete sich eines der brutalsten frühen Pogrome, als eine wütende Menge die jüdische Gemeinschaft angriff. Viele flohen in den Clifford's Tower, wo sie sich selbst töteten, um der Zwangstaufe oder dem Tod durch die Meute zu entgehen. Anschließend wurden die Schuldscheine der Gläubiger, die im Münster von York aufbewahrt wurden, öffentlich verbrannt – ein direkter Akt der Schuldentilgung durch Gewalt.
Da die Juden zugleich religiös kaum toleriert wurden, regte sich auch wenig Mitleid in der breiten Bevölkerung wie auch in intellektuellen Kreisen. Die Pogrome waren religiös legitimiert, die Schuldentilgung ein stillschweigend akzeptierter collateral damage.
Geldgeschichte der Magna Carta: Der Kampf um die Finanzhoheit
Der erste siegreiche Baronskrieg, angefacht unter anderem durch die Enteignung des Vermögens von Aaron von Lincoln, zwang den König im Jahr 1215, die Magna Carta Libertatum zu unterzeichnen. Auf 63 Artikeln wurden die Rechte des Adels und der Kirche gegenüber der willkürlichen Macht des englischen Königs geregelt.
Die explizite Aufnahme der Klauseln 10 und 11 belegt, dass die Schuldenkrise durch die Zinsnahme ein politisch nicht mehr tragbares Ausmaß angenommen hatte. Die Regelungen in diesen Abschnitten sollten verhindern, dass der König, der oft die Schulden von verstorbenen Baronen gegenüber jüdischen Gläubigern übernahm, diese Schulden rücksichtslos eintrieb und somit Landgüter leichtfertig beschlagnahmte.
Die Barone zwangen den König mit militärischer Gewalt, in dieses System einzugreifen, um ihre Ländereien und ihre gesellschaftliche Basis vor der vollständigen Enteignung durch Schulden zu schützen – ein direkter Beweis für die tatsächlich stattfindende Umverteilung, die wir im ersten Teil als Zinsparadoxon abstrakt erläutert haben. Mit der späteren Etablierung des Parlaments zementierten die Eliten Englands ihren politischen Einfluss, was die Grundlage für den jahrhundertelangen Kampf um die Finanzhoheit legte.
Ein Parlament klingt heute demokratisch, damals war es aber eine Versammlung vermögender Eliten, die aus zwei Kammern bestand: Hochadel und geistliche Lords versammelten sich im Oberhaus (House of Lords); im Unterhaus (House of Commons) saßen die Vertreter der Grafschaften und Städte (Gentry und Kaufleute). Das Unterhaus war somit der Ort, an dem später der Geldadel seinen politischen Einfluss entfaltete.
Der lange Kampf um die Finanzmacht zwischen Krone und Parlament

Die Englische Geschichte ab 1215 bis zum Englischen Bürgerkrieg 1642 ist von Vertreibung, Enteignung und Kriegen geprägt. Hier die bedeutenden Ereignisse kurz zusammengefasst.
Der wichtigste königliche Erlass gegen die Juden war die Statute of the Jewry (Juden-Statut) von 1275, erlassen unter König Eduard I. Er verbot den Juden das Wuchern, also die Zinsnahme, zwang sie zum Tragen eines gelben Abzeichens und in räumlich begrenzten Stadteilen zu wohnen.
Aber nur drei Jahre später folgte die nächste Grausamkeit gegenüber der jüdischen Gemeinde: „Die 300 Hingerichteten“ – Im Zuge der Angst vor „Geldschneiderei“ (Clipping) ließ König Eduard I. im Jahr 1278 die gesamte jüdische Gemeinde (ca. 3000) durchsuchen und inhaftierte rund 680 Juden im Tower of London. Eduard I. ist uns als Royaler Gegenspieler von William Wallace aus dem Film Braveheart bekannt. Er ließ über 300 Juden hinrichten und konfiszierte ihr Vermögen.
Dieser Massenexekution zur Schuldentilgung entging nur, wer es sich leisten konnte und eine hohe Geldstrafe bezahlte. Das und die Eigentumsübertragung der Hingerichteten brachten dem König sofort 16.500 Pfund ein. Eine gigantische Summe, wenn man bedenkt, dass ein qualifizierter Handwerker pro Jahr gerade einmal 4 Pfund verdiente. Die eingetriebene Summe wird von Historikern auf zehn Prozent des damaligen jährlichen Einkommens der Krone geschätzt. Das verdeutlicht zugleich, wie bedeutend und kapitalstark die jüdischen Gemeinden waren.
1290 folgte die endgültige Vertreibung der Juden aus England. Dies geschah im Einklang zwischen König und dem Adel und gleicht einem gewaltsamen Schuldenschnitt. Der König übernahm einfach das gesamte Schuldenportfolio aller jüdischen Gläubiger, eine Übertragung an Dritte war rechtlich ausgeschlossen. Die Schuldscheine wurden zwingend in speziellen königlichen Archiven aufbewahrt. Das Edikt von 1290 regelte explizit, dass die an die Krone gefallenen Schulden zwar in ihrer Grundschuld bestehen blieben, aber die Zinsforderungen annulliert wurden. Dies beseitigte das „Zinsparadoxon“ und verhinderte die kontinuierliche Umverteilung des Reichtums, die dem Adel so große Sorgen bereitete. Im Gegenzug für das Edikt zur Vertreibung gewährte das Parlament König Eduard I. eine massive Steuerzahlung in Höhe von 116.000 Pfund. Dies war die größte Einzelsteuer des gesamten Mittelalters.
Vollständig vertrieben wurden die Juden nicht, inoffiziell blieben Kaufleute aus Spanien, Portugal oder den Niederlanden, Conversos. Sie waren vor allem im Überseehandel und in den ersten Finanzgeschäften Londons tätig und Teil des jüdischen Netzwerks. Das ist auch historisch belegt. Die Vertriebenen der anglo-jüdischen Diaspora suchten ihr Heil in Frankreich, wo sie aber bereits 1306 wieder ausgewiesen wurden, im Heiligen Römischen Reich, in Italien und in Spanien.
Der Exodus des Kapitals im Jahr 1290 löste die akute Schuldentilgung, war aber nur eine temporäre Lösung. Die chronische Instabilität der englischen Monarchie hielt fast vier Jahrhunderte an. Der König musste für seine ambitionierte Kriegsführung auf europäische Kreditgeber, allen voran die mächtigen Florentiner Bankhäuser Bardi und Peruzzi, zurückgreifen. Als Eduard III. im Hundertjährigen Krieg in Finanznöte geriet, erklärte er kurzerhand Zahlungsausfall, was maßgeblich zum Bankrott dieser Kreditimperien um 1340 führte. Das Muster des Schuldenmanagements blieb damit gleich: Statt die Forderungen durch stabile Mechanismen zu begleichen, tilgte die Krone sie durch die Enteignung und Zerstörung der Gläubiger.
Als Heinrich VIII. im 16. Jahrhundert neue Kriege finanzieren musste, nutzte er eine weitere gigantische Vermögensübertragung, um seine Kassen zu füllen: Die Auflösung der Klöster und der anschließende Verkauf der Güter stellte die größte einmalige Vermögensverschiebung in der englischen Geschichte dar.
Cromwell, Kapital und die Rückkehr des Geldes – Englands Wendepunkt
Dieser jahrhundertelange Kampf um die Oberhoheit und die endgültige Verteilung der legislativen und finanziellen Macht zwischen den beiden Institutionen gipfelte in dem Englischen Bürgerkrieg (1642–1651): Der Krieg zwischen Royalisten und Parlamentariern endete mit der Niederlage und der Hinrichtung Karls I. (1649).
1655 rief Oliver Cromwell, der Lord Protector, die Whitehall-Konferenz ein, um die Frage der Wiederzulassung der Juden zu diskutieren. Obwohl insbesondere der Klerus und die Londoner Kaufleute dies ablehnten, ignorierte Cromwell das Ergebnis. Er gestattete ab 1656 den inoffiziellen, tolerierten Zuzug einer sephardischen Gemeinschaft, die daraufhin eine Synagoge in London gründete.
Die Glorious Revolution: Wenn Kapital Geschichte schreibt
Nach der Restauration der Monarchie kam es zum letzten bedeutenden Zahlungsausfall Englands. Als König Karl II. 1672 im Stop of the Exchequer ein letztes Mal öffentlich die Zahlungen an die Londoner Goldschmied-Bankiers einstellte, um die englische Flotte für den Dritten Englisch-Niederländischen Krieg (1672–1674) auszurüsten, ruinierte er die Londoner Goldschmiede-Bankiers.
Aber die damit finanzierte Kriegsführung war der direkte und überwältigende Grund für die systemische Finanzkrise und das ökonomische Trauma, das die Finanzmetropole Amsterdam und die gesamte niederländische Republik 1672, dem Rampjaar erlitten. Die Bühne für die Glorious Revolution war bereitet.
Der D-Day des 17. Jahrhunderts

Die Invasion Wilhelms III. von Oranien im Jahr 1688 verdeutlicht, wie sehr holländisches und sephardisches Kapital involviert war. Sie war die konsequente Fortsetzung der Sephardischen Diaspora. Nachdem das Kapital aus Portugal und Spanien geflohen war und das niederländische Goldene Zeitalter finanziert hatte, suchte es nun die ultimative Sicherheit. Wilhelm III. segelte höchst bewaffnet auf einer Welle der Liquidität seinem neuen, protestantisch dominierten Königreich entgegen.
Die Operation war die größte Invasion vor dem D-Day und die am besten organisierte Militäroperation des 17. Jahrhunderts. Rund 400 bis 500 Schiffe setzten Kurs auf Brixham in Südengland – das waren doppelt so viele wie die Spanische Armada von 1588. Wilhelm III. hatte rund 20.000 Soldaten an Bord, und seine Kriegsflotte umfasste alleine knapp 50 Linienschiffe (Man-of-War).
Finanziert wurde die Invasion über die Generalstaaten und das Verteidigungsbudget. Aber auch private Bankiers spielten eine herausragende, unverzichtbare Rolle. Das bekannteste Beispiel ist Francisco Lopes Suasso, der später in den Adelsstand erhoben und zum Baron von Avernes-le-Gras wurde, der laut Überlieferung 2 Millionen Gulden an Wilhelm III. lieh – ein extrem hoher Betrag, der damals zur Finanzierung des Unternehmens benötigt wurde. Ihm wird zugeschrieben, auf Wilhelms Frage nach einer Sicherheit für die zwei Millionen Gulden geantwortet zu haben:
„Bist Du glücklich, so weiß ich, dass Du sie mir zurückgeben wirst; bist Du unglücklich, so willige ich ein, sie verloren zu haben.“ (Original in etwa: "If thou art felicitous, I know thou wilt return them to me; art thou infelicitous, I agree to having lost them.")
Das von den sephardischen Netzwerken mobilisierte Kapital war maßgeblich an der Deckung der Sofortkosten der Expedition beteiligt, was ihre Machtstellung im internationalen Kreditwesen unterstrich. Und welche großen Risiken man bereit war einzugehen, um das Projekt zum Erfolg zu führen. Aber sie leisteten auch geistlichen Beistand, in allen Synagogen Amsterdams beteten die Gläubigen für eine erfolgreiche Invasion.
Wilhelm selbst, als mächtiger Statthalter und als Hauptakteur, bürgte persönlich für einen Teil der Schulden und nutzte seinen eigenen immensen Kredit in den europäischen Finanzzentren. Er setzte eigenes Vermögen ein, um die anfängliche Planungsphase und die Ausgaben zu finanzieren, die noch geheim gehalten werden mussten. Seine hohe Kreditwürdigkeit in Amsterdam ermöglichte es ihm, kurzfristige Darlehen aufzunehmen, die die Generalstaaten erst später oder gar nicht formal genehmigten.
Wilhelms Rolle als überzeugter Calvinist und Verteidiger des europäischen Protestantismus war absolut entscheidend. Seine religiöse Identität lieferte die notwendige ideologische Legitimation für die Allianz der englischen Eliten (Whigs und Tories), die den katholischen Absolutisten Jakob II. absetzten. Ohne diese religiöse Rechtfertigung der Immortal Seven und die breite Unterstützung der protestantischen Öffentlichkeit wäre die massive Invasion und der politische Umsturz nicht möglich gewesen.
Die Invasion von 1688 war somit eine öffentlich-private Partnerschaft der Kriegsführung, bei der das politische Ziel des niederländischen Staates durch die unübertroffene Kapitalmobilisierungsfähigkeit des Amsterdamer Privatmarktes ermöglicht wurde. Ideologisch getragen wurde es durch das Narrativ eines Protestantischen Kreuzzuges.
Von der Krone zum Kapital: Wie das Parlament die Finanzhoheit übernahm
Als König Jakob II. erkannte, dass er keine loyale Basis mehr hatte, warf er das Staatssiegel in die Themse und floh nach Frankreich. Wilhelm III. und Maria II. bestiegen den verwaisten Thron, aber nur unter der Bedingung, die Bill of Rights vorab zu unterzeichnen. Dieser Vertrag zementierte die Machtverschiebung, indem er die Finanzsouveränität dauerhaft beim Parlament verankerte. Der Kampf war somit auch der Kampf des Kapitals gegen die monarchische Willkür, ein Kampf, den das Parlament im Namen der Gesetze und der Finanzmacht gewann.
Obwohl in den Schulen die Magna Charta und die Bill of Rights als Geburtsstunde der Demokratie und des modernen Verfassungsstaat gelehrt und gewürdigt werden, war die Erste eine Vereinbarung zwischen dem König und dem Hochadel. Sie sicherte die Rechte der Adligen und etablierte das Prinzip, dass der König an Gesetze gebunden ist und das Adel/Parlament bei Steuern mitreden muss. Das Volk als Souverän spielte überhaupt keine Rolle.
Die zweite schuf eine Konstitutionelle Monarchie, aber keine Demokratie. Das Wahlrecht blieb auf eine sehr kleine, vermögende Elite beschränkt. Sie nutzte den Kampf für Rechte und Freiheiten dazu, die Finanzsouveränität dauerhaft an die vermögenden Eliten zu binden. Die Bill of Rights war der endgültige Sieg des Kapitals in England über die monarchische Willkür – der bittere Lehrstoff der Fugger, deren Kredit-Imperium an der absoluten politischen Willkür Karls V. zerschellte, war auch hier endlich verarbeitet. Ein neues Zeitalter brach an – das Jahrhundert der Engländer, angetrieben von der Great Engine of the Empire – der Bank of England.
Die Bank of England (BoE): Das Konzept des Credible Commitment als Lösung
Die Glorious Revolution hatte dem Parlament zwar die Finanzhoheit gegeben, doch England befand sich im Krieg mit Frankreich und brauchte dringend Geld – ein Problem, das das Parlament nicht lösen konnte.
William Paterson, schottischer Kaufmann und Abgeordneter des Unterhauses, brachte die Idee einer privaten Bank ein, um dem Staat einen Großkredit zu gewähren. Diese Bank sollte die gesamten Staatsschulden, die sogenannte National Debt, zentral verwalten. Sie war damit eine direkte Folge des militärischen und finanziellen Zwangs, den der Neunjährige Krieg ausübte, und zugleich die Lösung, um die Kreditwürdigkeit der zerrütteten Staatsfinanzen wiederherzustellen.
Der Lord of the Treasury, Charles Montagu setzte die Gründungspläne politisch im Parlament durch und war maßgeblich an der Ausarbeitung der Gesetze zur Schaffung der Bank, dem Tonnage Act von 1694, beteiligt. Er war zu der Zeit Lord of the Treasury, später wurde er Schatzkanzler. Die Bank wurde als privatrechtliche Aktiengesellschaft, die Governor and Company of the Bank of England, durch eine Royal Charter gegründet. Ihre Besonderheit war das Credible Commitment: die achtprozentigen Zinszahlungen wurden direkt aus zweckgebundenen Steuereinnahmen gesetzlich abgesichert, wie z.B. der Biersteuer. Die Regierung von König Wilhelm III. erhielt ein Darlehen über 1,2 Millionen Pfund, das von 1268 privaten Personen und Institutionen gezeichnet wurde. Diese Investoren wurden die ursprünglichen Aktionäre, die Proprietors der Bank. Die gigantische Summe war bereits nach wenigen Tagen zusammen, als Beweis des Vertrauens zeichneten König und Königin zusammen den maximalen Einlagebetrag von 10.000 Pfund.
Ihre Investition war symbolisch von großer Bedeutung, da sie den privaten Gläubigern des Staates versicherte, dass die Krone selbst an den Erfolg der neuen Finanzstruktur glaubte und teilnahm. Diese Summen klingen heute lächerlich klein, vergleicht man sie aber mit dem durchschnittlichen Handwerkerlohn damals, nämlich rund 20 Pfund pro Jahr, wird die Dimension deutlicher. Die Gründungsaktionäre der BoE stellten die Spitze der Elite dar. Die Charta garantierte der Bank eine Mindestlaufzeit von 11 Jahren und das Kapital konnte von den Aktionären nicht abgezogen werden.
Monopol des Geldes: Wie die Bank of England das Empire finanzierte

Die Bank of England wurde von Anfang an mit außergewöhnlichen Privilegien ausgestattet: Sie hatte das Recht, als Aktiengesellschaft (Joint-Stock Company) zu firmieren. Das begrenzte die Haftung und erleichterte die Kapitalbeschaffung. Sie hatte das Recht, Banknoten auszugeben und als Bankier der Regierung zu fungieren, ein extrem lukratives und ehrenvolles Monopol. Dies war das modernisierte Münzregal. Obwohl Country Banks vorübergehend auch Noten ausgeben durften, wurde die BoE schnell zur dominanten Quelle der Liquidität im englischen Finanzsystem. Dieses Privileg, die Geldmenge elastisch auszuweiten, war der Kern ihrer Macht. Die wichtigste Bedingung war die parlamentarische Garantie für die Rückzahlung der Zinsen, typischerweise gesichert durch eine dedizierte Steuer. Die BoE institutionalisierte die fatale Liaison von Staat und Gläubigern auf einer stabilen, parlamentarisch abgesicherten Basis, wodurch das Ausfallrisiko für die Kreditgeber minimiert wurde. Die Folge dieser Glaubwürdigkeit war dramatisch: Die Staatsverschuldung stieg in nur drei Jahren auf über 14 Millionen Pfund. Die Kreditgeber waren nun bereit, in beispiellosem Umfang Kapital bereitzustellen.
Diese strukturellen Reformen machten britische Staatsanleihen für Investoren sicherer und attraktiver. Dies ermöglichte es Großbritannien, zu niedrigeren Zinsen und in größerem Umfang Schulden aufzunehmen als seine Kontinentalrivalen, was als entscheidender Vorteil in den folgenden Kriegen gegen Frankreich gilt. Mehr Geld bedeutete mehr Waffen, mehr Schiffe und mehr Söldner als der Gegner. Zudem war England geopolitisch mit der Insellage gesegnet und eine maritime Großmacht, ein großer Vorteil gegenüber dem verwundbaren Holland. So sicher die Amsterdamer Wechselbank (AWB) auch war, genau das machte sie zu einer außerordentlich wertvollen Beute, denn als Vollbank war es ihr Geschäftsmodell, die Vermögen zu verwahren. Ihre Tresore waren voller Reichtümer. Das Kapital wanderte nach London ab, mit der Gründung der BoE beginnt der Abstieg Hollands, und im späteren Verlauf der Geschichte verliert auch die AWB ihre Dominanz, da die Kapitalabflüsse zu groß werden.
Kapitalakkumulation: Der Motor des Britischen Empire und das neue Geldsystem
Der Gründungsakt vereint somit alle drei Roten Fäden, die wir im ersten Artikel aufgezeigt haben und unterstreicht die aufgestellte These, dass Kapital der Sicherheit folgt – und später der Handel dem Kapital. Wendet man nun Rochefoucaulds Perspektive an, und betrachtet man das neue Geldsystem aus der nötigen Distanz, fällt es schwer, das als eine zwangsläufige Entwicklung hin zur Finanzstabilität zu interpretieren und die Details im Nebel verschwinden zu lassen. Denn man könnte auch argumentieren, dass sich das Kapital, vertreten von einer kleinen wohlhabenden Elite ein System entworfen hat, um diesen Zinseszins-Mechanismus zu maximieren und gegen politische Risiken abzusichern.
Im Gegensatz zu den Fuggern, die von der Zahlungsmoral der Habsburger abhängig waren, schuf die BoE ein System, in dem die Kreditgeber, also die Aktionäre, gleichzeitig die Regierung durch das Parlament kontrollierten. Dies garantierte, dass die Rechnungen der Elite stets bezahlt wurden – notfalls mit neuen Krediten an den Staat, die das Hamsterrad des exponentiellen Wachstums weiter antrieben.
Das Prinzip neuer Kredit oder Umverteilung wurde nun auf nationaler Ebene zur offiziellen Finanzpolitik. Die Bank verwaltete die Schulden, und die Zinsen garantierten den kontinuierlichen Transfer von Steuergeldern (Biersteuer etc.) an die private Kapitalisten-Elite. Die BoE war somit der entscheidende Schritt von der zufälligen Akkumulation hin zur systematischen, institutionell abgesicherten und unaufhaltsamen Akkumulation von Vermögen durch die Beherrschung des Geldschöpfungs- und Schuldenmechanismus.
Die BoE wurde zur zentralen Kapitalsammelstelle der Nation. Das Recht, Noten zu emittieren, gab ihr die Macht, die benötigte Liquidität für die Staatsfinanzierung jederzeit selbst zu schaffen. Dies war das ultimative Monopol – weit mächtiger als der Handel mit Kupfer oder Pelzen oder die Kontrolle über ein paar Silberminen.
Sie erhielt das exklusive Recht, Papiergeld auszugeben, das gegen die Kreditsumme an den Staat gedeckt war. Dieses Privileg, Liquidität zu schaffen, wurde zur höchsten Form der Kapitalakkumulation. Die Bank schöpfte Geld in Form von Noten und lieh es dem Staat; der Zins wiederum floss an die privaten Aktionäre.
Die Noten der BoE zirkulierten anfangs ausschließlich unter Großinvestoren und Finanziers. Die Akzeptanz dieser Papiere durch die Elite war eine strategische Wette auf den siegreichen Ausgang des Krieges.
Das Erbe der Finanzrevolution – Der ewige Kreislauf von Kredit und Kontrolle
Die BoE institutionalisierte die Finanzrevolution, indem sie den Zinseszinseffekt stabilisierte und die Macht der Geldschöpfung an eine private, aber staatlich legitimierte Elite band. Dies war der Motor, der das Britische Empire im 18. und 19. Jahrhundert zur globalen Dominanz führte. Mehr dazu im nächsten Teil unserer Serie über das Geldsystem.


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