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Finanzsystem in der Geschichte: Wie Zins und Machtkonzentration Krisen verursachen

  • Autorenbild: Thomas Hartz
    Thomas Hartz
  • 22. Okt.
  • 11 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Okt.

Finanzsystem in der Krise

Warum das Finanzsystem regelmäßig in die Krise stürzt


Das Finanzsystem steht aktuell wieder in den Schlagzeilen: Inflation, Staatsbankrott, Systemkollaps. Dabei ist es keineswegs so alt, wie es scheint: Der Euro wurde erst 2002 eingeführt, sein direkter Vorgänger, die DM, 1948. Mit einem Alter von rund 77 Jahren hat unser heutiges System die historisch durchschnittliche Lebensdauer eines Finanzsystems bereits erreicht. Natürlich handelt es sich nur um einen groben Mittelwert, keine feste Gesetzmäßigkeit der Geschichte – doch die Parallele ist auffällig.


Denn seit dem Aufkommen des Bankwesens in Italien im Spätmittelalter treten im Schnitt alle 75 Jahre große Krisen auf – kleinere etwa alle 45 Jahre, wie die Finanzkrise 2008 oder die Eurokrise 2013. Diese haben die meisten von uns unmittelbar erlebt. Eine wirklich systemische Finanzkrise, wie sie im historischen Rhythmus alle 70–80 Jahre auftritt, dagegen zum Glück noch nicht. Warum ist unser Finanzsystem, das vollständig von Menschen erdacht wurde und bis heute wirkt, so derart krisenanfällig?


François de La Rochefoucauld, ein französischer Moralist und Autor des berühmten Werkes Maximen, hat uns darin so manchen literarischen Diamanten hinterlassen: „Um die Welt zu beurteilen, muss man sie aus der Ferne sehen und sie sehr nahe erlebt haben.“ Exactement diese Perspektive gilt auch für das Geld. Erst wenn wir den Blick heben und das System aus einer gewissen Distanz betrachten, erkennen wir, wie die einzelnen Bausteine ineinandergreifen – welche gravierenden Spannungen seit Jahrhunderten verankert sind und warum Krisen im System unvermeidlich bleiben. So verstehen wir wirklich, weshalb Institutionen wie die Federal Reserve, die mächtigste Notenbank der Welt, nicht der Endpunkt, sondern nur das jüngste Kapitel einer langen Geschichte sind.


Unser Geld- und Bankensystem hat unbestreitbare Vorzüge: Es ermöglicht den Warenaustausch, eröffnet den Zugang zu Krediten und legt damit den Grundstein für wirtschaftliche Entwicklung. Ohne eine organisierte Geldwirtschaft hätten Industrialisierung, Globalisierung und die moderne Gesellschaft nie entstehen können. Doch die Geschichte zeigt auch: Finanzkrisen gehören wie ein Schatten immer dazu.


Der erste rote Faden: Das Zinsparadoxon als Wachstumszwang


Warum Zins und Zinseszins Finanzkrisen antreiben


Dabei sind die entscheidenden Stellschrauben erstaunlich zeitlos: die Höhe der Zinsen und das Verhalten der Kapitalsammelstellen, die sich zwangsläufig bilden. Sie wirken nicht als einzige Ursache, wohl aber als Katalysator und Verstärker von Krisen. Hier lohnt ein übergeordneter Blick auf das System und in seine geschichtliche Entwicklung: Warum ist der Zins die treibende Kraft – und welche Rolle spielen diese Kapitalsammelstellen im großen Ganzen?


Biblische Zinsverbote und die lange Tradition der Kritik


Zins und Zinseszins – das Zinsparadoxon – bilden den abstrakten Kern fast aller Finanzkrisen und beschäftigen die Menschheit seit Jahrtausenden. Schon die Bibel kennt Zinsverbote und Jubeljahre, also regelmäßige Schuldenerlässe. Sie waren mehr moralische Leitlinie als gelebte Praxis, zeigen aber eindrücklich, wie alt und tief verwurzelt das Problem der Zinsen ist.


Umlaufgeld im Mittelalter – Ein stabiles System ohne Zins


Brakteaten und Umlaufsicherung als historische Innovation


Es gab tatsächlich eine Zeit im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in der der Zins kaum eine Rolle spielte: im Hochmittelalter entwickelte sich ein regionales Münzsystem, das in vielerlei Hinsicht erstaunlich funktional war. Die sogenannten Brakteaten – dünne, einseitig geprägte Silbermünzen – waren von minderer Qualität und nur für kurze Zeit gültig. In regelmäßigen Abständen wurden sie vom Herrscher „verrufen“, also für ungültig erklärt, und mussten gegen neue Münzen eingetauscht werden. Dabei fiel ein Obolus an, der einer Art Umlaufsicherungsgebühr gleichkam. Daraus leitet sich der Name Umlaufgeld-System ab.


Das Geld blieb in Bewegung und erfüllte zuverlässig seine Funktion als Tauschmittel. Der regelmäßige ungünstige Umtausch verhinderte (z.B. 20 alte Münzen gegen 18 neue), dass es in Schatzkammern verschwand und dem Markt entzogen wurde. Dieses Prinzip der Umlaufsicherung wurde später im 20. Jahrhundert durch Ökonomen wie Silvio Gesell wieder aufgegriffen (Stichwort Freigeld). Auch das berühmte Experiment in Wörgl (1932/33) belegte die Effizienz dieser Umlaufsicherung, bevor es durch die Zentralbank gerichtlich verboten wurde.



Wirtschaftliche Blüte ohne Machtkonzentration


Das Brakteaten-System war eine Periode der wirtschaftlichen Blüte: Handel, Handwerk und Städte entwickelten sich, und der Wohlstand floss in große sakrale Bauwerke, etwa den Dom zu Speyer oder den Kölner Dom, aber auch in infrastrukturelle Projekte wie Burgen, Stadtmauern, Universitäten und Brücken. Die Steinerne Brücke in Regensburg ist ein Zeugnis für die Baukunst des Hochmittelalters, sie steht immer noch. Dass Geld im System wirkte und brachte enorme Leistungen hervor – aber die Mittel lagen nicht in der Hand einzelner Superreicher. Wohlstand und Macht waren noch stark verteilt: Städte, Fürsten, Bischöfe und Klöster teilten sich die Ressourcen, das Geldsystem war lokal, überschaubar und – im Vergleich zu späteren Kredit- und Bankensystemen – relativ stabil.


Das Brakteaten-System soll an dieser Stelle nicht glorifiziert werden, aber die Tatsache, dass Geld kein Wertspeicher war, der sich mit Zinsen vermehren ließ, ist wichtig. In diesem Zeitabschnitt der Menschheit findet man keine Einzelperson, die auch nur annähernd so viel Geld und Macht bündelt, wie im späteren Verlauf der Geschichte ein Fugger, Medici, Rothschild oder Morgan.


Vom Umlaufgeld zum Kapital – Wie Zins Macht und Vermögen bündelt


Doch je stärker Handel und Wirtschaft wuchsen, desto deutlicher traten die Schwächen zutage. Die regelmäßigen Umtauschgebühren belasteten Händler und Bürger, während der aufblühende Fernhandel nach stabileren und überregional gültigen Zahlungsmitteln verlangte. Auch die Münzherren selbst entdeckten zunehmend Vorteile in langlebigeren Münzen, die größere Macht und Reichweite versprachen. So setzte sich nach und nach ein neues System durch: dickere, haltbarere Münzen wie Groschen und Taler, die nicht mehr regelmäßig eingezogen wurden. Ihr Wert orientierte sich nun am Metallgehalt – Silber oder Gold – wodurch das Geld länger stabil im Umlauf blieb und zugleich als Wertspeicher erheblich an Bedeutung gewann. Was zunächst als Fortschritt erschien, öffnete jedoch auch die Tür für eine neue Dynamik: Geld konnte nun dauerhaft gehortet und gegen Zinsen verliehen werden – die Grundlage für wachsende Kapitalsammelstellen und für jene Spannungen, die das Zinsparadoxon immer stärker hervortreten ließen.


Zinseszins im Alltag: Mietbeispiele und Wachstumszwang


Um die Sprengkraft des Zins und Zinseszins zu verdeutlichen – er wächst exponentiell – ist ein Vergleich aus der Gegenwart prägnanter: Indexierte Mietverträge zeigen es: Bei 1.000 € Miete und drei Prozent jährlicher Steigerung zahlen wir nach 15 Jahren 1.560 €, nach 30 Jahren 2.430 € und nach 50 Jahren bereits 4.380 €. Nach 75 Jahren wären es über 9.000 € – nur bei moderaten drei Prozent jährlich. Was für die Mieter zum Albtraum wird, erleben die Vermieter als stetig wachsenden Wohlstand, das Geld vermehrt sich von selbst.


Dabei ist die Spanne von 75 Jahren entscheidend. Da der Zyklus bis zum Kollaps im Schnitt ein Menschenleben lang dauert, bringen wir insgesamt so wenig Verständnis für die exponentielle Logik des Geldsystems mit. Wir haben kaum gelebte Erfahrung damit. Die letzte große Währungsreform in Deutschland liegt 77 Jahre zurück – nur noch die älteste Generation erinnert sich wirklich daran.

Dieses exponentielle Wachstum wirkt wie Dynamit – im Schnitt entfacht es alle 75 Jahre eine große Krise, begleitet von Kriegen und Tragödien. Neben politischen, technologischen oder geopolitischen Ursachen wirkt der Zinsmechanismus wie der unsichtbare Umlaufantrieb des Systems.


Eine Zwischenfrage sei erlaubt: Woher kommt eigentlich das Geld, mit dem die Zinsen bezahlt werden sollen?


Das strukturelle Problem: Woher kommt das Geld für die Zinsen?


Hier wirkt das sogenannte Zinsparadoxon – der tief verankerte Wachstumszwang des Systems. Es gibt nie genug Geld, um alle Zinsen zu begleichen. Obwohl in modernen Systemen die Geldmenge durch Kreditvergabe elastisch ist und ständig ausgeweitet wird, entsteht durch den Zins und Zinseszins eine strukturelle Lücke. Das Geld muss erst durch neue Kredite, weiteres reales Wachstum oder Umverteilung zusätzlich generiert werden. Da Wachstum und Umverteilung an natürliche Grenzen stoßen, entsteht bei exponentiellem Wachstum der Schulden und Zinsforderungen ein dynamisches Spannungsumfeld. Viele politische und wirtschaftliche Handlungsmotive oder Krisen lassen sich in diesem Spannungsfeld verorten – ohne sie allein darauf reduzieren zu wollen. Wer das erkennt, erhält ein breiteres Verständnis für die Kausalität der Ereignisse.


Ein Blick auf das Münzwesen verdeutlicht die Problematik anschaulich: Die Geldmenge konnte historisch nur so weit wachsen, wie neues Edelmetall verfügbar war. Also entweder mehr Silber und Gold fördern, es durch Handel oder Eroberung ins Land holen, oder schlicht durch Münzverschlechterung (historisch auch Gehaltsschmälerung genannt, heute Inflation). Doch diese Mittel waren insgesamt begrenzt oder erforderten erhebliche finanzielle Ressourcen. Zumal Raubbau an der Natur, Inflationierung und Eroberungskriege moralisch sehr fragwürdig sind.


Bleibt die Möglichkeit der Umverteilung: Geld floss von den einen zu den anderen – durch Steuern, Abgaben, Zinsen oder schlicht durch Enteignung der Gläubiger. Auch dies hält das System am Laufen, erzeugt aber zugleich Machtkonzentration und enorme Konflikte.


Die letzte Option schließlich ist ein neuer Kredit: neue Sicherheiten, neue Zinsen, neues Geld im Umlauf. Die direkte Ausweitung der physischen Geldmenge war in der Anfangszeit durch die Edelmetallvorräte begrenzt. Deshalb bedeutete ein neuer Kredit historisch oft nur die Ausgabe von Schuldscheinen; als Sicherheiten dienten Immobilien, Land oder Privilegien wie Schürfrechte. Faktisch wird Liquidität geschaffen, die es erlaubt, alle Zinsforderungen zu bedienen. Doch auch dieser neue Kredit birgt die gleiche Problematik in sich: Selbst wenn die Geldmenge elastisch ist, bleiben wieder die drei Optionen: Wachstum zur Unterfütterung, sonst droht Inflation –  Umverteilung oder ein erneuter Kredit.


Dieser Druck wirkt systemisch: Er erzwingt permanentes Wirtschaftswachstum, oder einen neuen Kredit mit neuen Zinsen – oder man spielt „Reise nach Jerusalem“: zehn Spieler, aber nur neun Stühle – was eine Umverteilung im großen Stil bedeutet. Dieser Mechanismus ist der erste Gedanke, aus dem der Rote Faden gesponnen wird, der sich konsequent durch die gesamte Geldgeschichte zieht.


Der zweite rote Faden: Kapitalsammelstellen und Machtkonzentration


Vom Umlaufgeld zum Kapital – Wie Zins Vermögen bündelt


Das Recht, Münzen zu prägen – das sogenannte Münzregal – war ursprünglich ein königliches Vorrecht. Im Laufe der Zeit wurde es jedoch weitergegeben oder verliehen, wodurch verschiedene Gruppen maßgeblich profitierten: Adlige und Vasallen, Bischöfe und kirchliche Institutionen sowie zunehmend auch Städte und Kaufleute, die so Einnahmen, wirtschaftliche Kontrolle und politischen Einfluss gewinnen konnten. Eine Münzprägeanstalt des Mittelalters kann in gewisser Weise mit einer regionalen Notenbank verglichen werden: Sie bestimmte die Ausgabe von Geld, regulierte Umlauf und Materialwert und beeinflusste damit Handel und Wirtschaft – allerdings auf viel begrenzterem, lokalem Niveau als heutige Zentralbanken. Das Privileg, neues Geld prägen zu können – was in der modernen Geldtheorie als Geldschöpfung bekannt ist, entwickelte sich im Laufe der Zeit zum mächtigsten Instrument wirtschaftlicher und politischer Macht in der Geschichte.


Wer profitiert? Die Logik der Kapitalsammelstellen


Genau hier bilden sich die ersten Kapitalsammelstellen im System. Sie entstehen in einem Zinssystem zwangsläufig aus dem System selbst: Der Zins wird zum treibenden Umlaufantrieb des Geldsystems. Wo schon Geld vorhanden ist, fließt noch mehr Geld hin – vorausgesetzt, es gibt ausreichend Schuldner. Der Anreiz, Geld gegen Zinsen zu verleihen, war ebenso unersättlich wie der Geldhunger früher Staatsgebilde des Mittelalters. Diese Liaison ist fatal, wie die Geschichte immer wieder zeigt.


Kapitalsammelstellen sind keine Erfindung einzelner Akteure. Ihre enge Verflechtung mit der Staatsmacht ist vielmehr die logische Konsequenz der Funktionsweise eines Geldsystems mit Zinsen – denn historisch war der Markt für Staatsanleihen stets der größte Kreditmarkt, bis heute. Gerade in den Anfängen des frühen Bankenwesens bringen sie herausragende Einzelpersönlichkeiten hervor, die das System meisterhaft beherrschen und davon profitieren – die Einsteins, Picassos und Da Vincis des Geldsystems. Und sie entwickeln sich im Laufe der Geldgeschichte von bekannten Einzelpersonen zu schwer durchschaubaren Institutionen.


Wer diese beiden Gedanken festhält, hat den zweiten Roten Faden enthüllt, der sich durch die gesamte Geldgeschichte zieht.


Die Fugger und der Kaiser

Die Fugger – Europas erste Großkapitalisten


Die Fugger aus Augsburg liefern ein besonders anschauliches Beispiel für das Zusammenspiel von Geld, Macht und systemimmanenten Spannungen. Ihre Blütezeit lag zwischen 1480 und 1560. Sie gelten historisch als erste Großkapitalisten Europas. Jakob der Alte legte mit dem Leinen- und Tuchhandel den Grundstein, während Jakob der Reiche den Schwerpunkt auf Bergbau und Hochfinanz verlagerte.


Sein Prinzip war erstaunlich simpel: Die Habsburger erhielten Kredit für Hofhaltung oder Kriegszüge, die Fugger sicherten sich im Gegenzug Bergbau- und Schürfrechte sowie Beteiligungen an der Münzprägung. Sie nutzten das System meisterhaft, stiegen mit dem Haus Habsburg kometenhaft auf – und verloren später die zentrale politische Macht, die sie in ihrer Blütezeit innehatten. Zwar blieb ihr Reichtum teilweise erhalten, doch ihre herausragende Position im Macht- und Finanzsystem konnten sie nie wieder erreichen.


Solange die Fugger aus ihren Minen stetig Silber und andere Metalle förderten, lief das System weitgehend reibungslos. Die Refinanzierung der Kredite erfolgte über die Zeit. Anfangs konnte der ständige Kreditbedarf der Habsburger noch mit realen Einnahmen abgesichert werden, aber Zins und Zinseszins erhöhten den Druck immer weiter – Fluch für den einen, Segen für den anderen.

Diese Liaison von Geld und Macht war unzertrennlich und befruchtete sich gegenseitig aufs Neue. Denn sobald Zinsen im System verankert sind, gelten bekanntlich nur drei Optionen. Dabei ist die Option des neuen Kredites stets die attraktivste, solange es noch Sicherheiten gibt.



Systemgrenzen – Wenn Zinslast und Schulden zu groß werden


Um die Mitte des 16. Jahrhunderts hatten die Fugger einen Reichtum angehäuft, wie ihn zuvor keine Dynastie in Europa erworben hatte. Sie besaßen mehr Burgen, Schlösser und Herrschaften als mancher alte Adelsgeschlecht – und gleichzeitig ein Handels- und Finanzimperium, das sich von Augsburg bis Sevilla und Antwerpen spannte. Ihr Reichtum war gigantisch: hochgerechnet auf heutige Werte, liegt er je nach Schätzung zwischen 300 und 400 Milliarden Euro. Ihr Name stand sinnbildlich für Geld, Macht und Einfluss – nicht ohne Grund trägt ein bekanntes Buch über sie den Titel: Kauf dir einen Kaiser.


Doch gerade in diesem scheinbaren Höhepunkt lag ihr Dilemma verborgen: Ein großer Teil ihres gigantischen Vermögens spiegelte letztlich nur die Höhe der von ihnen vergebenen Kredite wider. Nach drei Generationen – Jakob der Alte, Jakob der Reiche und Anton Fugger – war das Vermögen und die Kreditsumme durch Zins und Zinseszins derart angewachsen, dass die verfügbaren Edelmetallressourcen oder Sicherheiten nicht mehr ausreichten, um den stetigen Kredithunger der Habsburger zu decken. Die Steuerlast für Bürger und Untertanen wurde erdrückend, und das soziale Elend wuchs in erschreckendem Maße.


Während Jakob der Reiche noch wochenlang über einige hunderttausend Gulden Kredit mit dem Kaiser verhandelte, sah sich Anton Fugger Jahrzehnte später gezwungen, mit einem Federstrich Millionen Gulden bereitzustellen, um den Kreislauf überhaupt noch aufrechtzuerhalten.


Hier zeigt sich die ganze Tragik des Systems: Die Fugger konnten „ihr“ Geld nicht komplett aus dem System ziehen, ohne dass es sofort zusammenbricht; sie waren praktisch „all-in“. Gerade diese finanzielle Verstrickung machte sie zu Geiseln der Habsburger. Das Finanzsystem des Mittelalters war zu rudimentär, um einen „Bail-out“ der Fugger zu organisieren.


Die politische absolute Macht des Kaisers wog schwerer als jede Schuld. Das berühmte Mahnschreiben, das Jakob der Reiche noch an Karl V. sandte, ist zwar ein historisches Zeugnis der engen Verflechtung zwischen Staat und Großkapital und ein beispielloser Affront gegen einen von „Gottes Gnaden“ eingesetzten Monarchen. Doch es bewies vor allem eines: Selbst der reichste Mann der Welt konnte die Zahlung nicht erzwingen, da der Kaiser wusste, dass der Gläubiger ebenso auf das System angewiesen war wie er selbst. Das Kapital war der politischen Macht ausgeliefert.


Der erste große Staatsbankrott und seine Folgen


Als Philipp II. 1557 von Spanien den ersten Staatsbankrott erklärte, konnten die Fugger dem nichts entgegensetzen. Sie wurden mit Land, Titeln oder Versprechungen abgespeist, während der Geldfluss versiegte und die Verluste stiegen. Die enormen Kredite und Zinsverpflichtungen wuchsen jedoch weiter, angefacht durch den Mechanismus von Zins und Zinseszins.


Ein Staatsbankrott ist der Startschuss einer „Reise nach Jerusalem“ – zehn Spieler, neun Stühle. Insgesamt wurden drei Runden ausgespielt (1557, 1575 und 1596). So verloren die Fugger Millionen Gulden und ihren Einfluss an die aufstrebenden Genueser Bankiers. Ab 1618 beendete der Dreißigjährige Krieg schließlich die Welt der mittelalterlichen Handels- und Finanzdynastien und fegte die alte Ordnung hinweg.



Die absolute politische Macht hatte über das Kapital triumphiert. Die inneren Spannungen des Geldsystems wirken wie ein Brandbeschleuniger, sobald der Kipppunkt erreicht ist – der plötzliche Übergang von Stabilität zu Krise. Dieser tritt ein, wenn die Zinszahlungen und die Verschuldung so absurd werden, dass sie die Steuereinnahmen ganzer Volkswirtschaften verschlingen.


Ein Vergleich drängt sich auf: 1980 lag die gesamtstaatliche Verschuldung Deutschlands bei umgerechnet rund 200 Milliarden Euro. Heute genügt ein einziger Haushaltsbeschluss, und die Bundesregierung kann 1.000 Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen – exponentielles Wachstum in Reinform. Die jährlichen Zinszahlungen erreichen bereits Dimensionen, die deutlich kritischer und langfristiger betrachtet werden sollten. Das zuvor erläuterte Zinseszinsbeispiel lässt sich hier präzise anwenden und zeigt, wie sich die Spannungen im System über die Zeit kontinuierlich verstärken – und wie sich gleichzeitig der Reichtum immer weiter konzentriert.


Der dritte rote Faden: Die Legitimation der Finanzmacht


Gekaufte Expertise: Von Theologen bis Ökonomen


Das Recht, Geld zu schöpfen, war schon immer das mächtigste Privileg. Doch wer die Kontrolle über das exponentielle Wachstum des Zinseszins-Systems erlangte, musste diese Macht auch ideologisch verteidigen. So zieht sich ein dritter Roter Faden durch die Geschichte: Die gezielte Finanzierung von Gelehrten und Intellektuellen, um das System des Zinses als moralisch richtig oder für das Gemeinwohl unerlässlich darzustellen.


Die Fugger waren auch hier Pioniere: Während Jakob Fugger der Reiche Kredite an Kaiser Karl V. vergab, bezahlte er unter anderem Theologen wie Johann Eck (den späteren Gegner Luthers), die den Zins gegen kirchliche Verbote rechtfertigten, und Juristen wie Konrad Peutinger, die seine Bergbau-Monopole als stabilisierend und notwendig darstellten.


Dieses Prinzip – die Beherrschung der öffentlichen Meinung durch gekaufte Expertise – ist bis heute die wirksamste Waffe der Kapitalsammelstellen. Es erklärt, warum das Zinsparadoxon und die hoheitliche Geldschöpfungsmacht, die an die Zentral- und Privatbanken übertragen wurde, in der konventionellen ökonomischen Debatte kaum existiert: Denn die intellektuelle Infrastruktur, die das System verteidigt, ist längst Teil der Architektur selbst geworden.


Ausblick: Von den Fuggern zur ersten Notenbank der Welt


Zinsbasierte Geldsysteme erzeugen nicht nur konzentrierten Wohlstand und Macht – sie bringen auch Elend, Aufstände und Gewalt hervor, sobald Zins- und Schuldenlasten zu groß werden. Das ist historisch vielfach belegt.


Wie sich das internationale Geldsystem weiterentwickelte und wie Bankiers ihre Privilegien institutionalisieren und ihre Machtposition sichern konnten, lesen Sie im nächsten Teil dieser Serie: Von den Fugger zur Bank of England.



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