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Finanzgeschichte 19. Jahrhundert: Der Sieg der Bilanz über das Bajonett – Rothschild, Gold und die Pax Bancaria

  • Autorenbild: Thomas Hartz
    Thomas Hartz
  • 1. Jan.
  • 12 Min. Lesezeit

Das 19. Jahrhundert gilt als Zeitalter der bürgerlichen Ordnung. Doch es war auch die Ära, in der das Kapital Kriege entschied, Zentralbanken kaperte und den Staat zum „Borrower of Last Resort“ degradierte. Ein Blick auf die Finanzgeschichte, Rothschilds Kuriere, die Illusion der Golddeckung und das tragische Schicksal des Joseph Süß Oppenheimer.


Das achte Weltwunder: Einstein, die Bankiers und die Macht des Zinses


„Der Zinseszins ist das achte Weltwunder. Wer ihn versteht, verdient ihn; wer ihn nicht versteht, bezahlt ihn.“ Dieser Satz wird heute gerne Albert Einstein angedichtet. Doch historisch führt die Spur nicht zum genialen Physiker, sondern ist schlicht eine Erfindung der amerikanischen Werbebranche der 1920er Jahre. Doch der Geist dieses Zitats ist weit älter. Er mischte sich bereits viel früher mit dem schweren Zigarrenrauch, der in den holzgetäfelten Salons des 19. Jahrhunderts aufstieg – in den diskreten Zirkeln jener Männer, die dieses Prinzip zwar nicht erfanden, es aber zu ihren Gunsten meisterhaft perfektionierten: die großen Bankiers der Alten Welt.


Blicken wir zurück: Die Fugger waren Pioniere. Die Holländer internationale Raubritter. Die Briten seit 1694 geniale Bankiers, die Spekulanten von 1720 die ersten Casino-Kapitalisten und die Franzosen von 1789 verzweifelte Gläubiger. Doch das 19. Jahrhundert war anders. Es war die Ära, in der das Kapital seinen Zylinder aufsetzte, Gesetze schrieb und seriös wurde.

Es war nicht mehr der wilde Raubzug eines Piraten, sondern das leise Surren einer gut geölten Maschine. Eine Maschine, die Arbeitskraft vorne einsaugte und Zinskupons hinten ausspuckte.


Von Napoleon bis Waterloo: Die Industrialisierung des Krieges


Das 19. Jahrhundert hat den Kapitalismus und den Krieg nicht erfunden, aber es hat beide industrialisiert. Es startete genauso blutig, wie das vorherige geendet hatte. Doch in den Napoleonischen Kriegen prallten nicht nur Armeen aufeinander, sondern zwei völlig gegensätzliche Arten, den Krieg zu finanzieren: Der alte Raub nach römischem Vorbild gegen das moderne Kreditsystem Englands.


Napoleon verachtete Schulden. Traumatisiert vom Staatsbankrott der Bourbonen und der Inflation der Revolution, führte er ein Regime des harten Geldes. Sein Finanzminister war nicht die Bank, sondern die Armee, seine Methode so simpel wie brutal: Der Krieg muss den Krieg ernähren. Er plünderte die Schatzkammern Europas, von Berlin bis Wien, um seine Feldzüge zu bezahlen.


Doch diese Strategie funktionierte nur im Vorwärtsgang. Als die Eroberungen stockten, versiegte der Geldstrom. England hingegen, das sich dank des Kreditsystems bis über beide Ohren verschuldet hatte, konnte immer weitermachen. Im Grunde wurde das militärische Genie Napoleon schlichtweg finanziell erdrückt. England finanzierte über die Bank of England nicht nur seine Armee, sondern gleich die gesamte Allianz gegen die Grande Nation. Es konnte seine Zukunft verpfänden, um die Gegenwart zu gewinnen.


Ein Blick auf die Zahlen beim Wiener Kongress 1814/15 verdeutlicht diesen Triumph der Bilanz über das Bajonett: England hatte sich mit über 200 Prozent des BIPs verschuldet; die Zinskosten alleine verschlangen fast die Hälfte der gesamten Steuereinnahmen des britischen Empires. Frankreich hingegen war militärisch am Ende, aber finanziell fast gesund – seine Staatsverschuldung lag bei moderaten 20 Prozent.


Der Wiener Kongress: Während der Kongress tanzt, beraten die Bankiers


Während im Herbst 1814 die Kutschen der Kaiser und Könige über das Kopfsteinpflaster von Wien rollten, prägte der Fürst de Ligne den berühmten Satz: „Der Kongress tanzt, aber er bewegt sich nicht.“ Das war nur die halbe Wahrheit. Während die Monarchen im Vordergrund Walzer tanzten und Grenzen auf Landkarten malten, webten die Bankiers im Hintergrund jenes Netz, das die gigantischen Kriegsschulden in die Bilanzen des Friedens übertrug. Ohne dieses neue finanzielle Fundament wäre die Neuordnung Europas nicht finanzierbar gewesen. Die Siegermächte waren allesamt hoch verschuldet. England voran, dicht gefolgt von den Niederlanden, die mit etwa 200 Prozent ihres BIP verschuldet waren. Österreichs Schuldenstand lag bei gut 90 Prozent, während Preußen dank seiner urpreußischen Tugend der Sparsamkeit nur mit moderaten 40 Prozent seines BIPs verschuldet war.


Aus dem Pulverdampf der Napoleonischen Kriege stiegen nun keine neuen Generäle als Sieger hervor, sondern eine neue Art von Dynastien, die das 19. Jahrhundert maßgeblich prägen sollten: Die internationalen Bankiers.


Die fünf Pfeile der Rothschilds: Information ist Macht


Allen voran die Familie Rothschild. Sie verstand als erste, dass der Frieden ein noch lukrativeres Geschäftsmodell bot als der Krieg: Der grenzüberschreitende Handel mit Staatsanleihen. Um dieses Geschäft zu beherrschen, brauchte man keine Armeen mehr, sondern Informationen und Präsenz vor Ort. Das legendäre Netzwerk der fünf Brüder wurde in dieser Zeit zur ultimativen Waffe des Kapitals.


Wie die fünf Pfeile in ihrem späteren Familienwappen besetzten sie die neuralgischen Schaltstellen Europas: Frankfurt, London, Paris, Wien und Neapel.

So entstand eine Infrastruktur, die dem Tempo der Politik weit voraus war. Die Rothschilds bauten einen privaten Kurierdienst auf, der schneller war als die Post der Könige. Wenn in Paris eine Entscheidung fiel, wusste man es in London und Wien dank der blauen Kuriere der Bankiers Tage vor den Botschaftern. Das Ergebnis war eine stille Revolution: Die Politik glaubte, in Wien die „Restauration“ – die Wiederherstellung der alten Ordnung – beschlossen zu haben. In Wahrheit hatten sie die Welt für das Zeitalter des Kapitals geöffnet. Die Fürsten behielten ihre Kronen, aber ihre Schatzkammern wurden nun von einem multinationalen Netzwerk verwaltet, das in fünf Städten gleichzeitig zu Hause war. Doch die Rothschilds blieben nicht allein. Dynastien wie die Warburgs, die Bethmanns, die Schröders, die Berenbergs und die Oppenheims stiegen in diesem Sog allesamt zu einflussreichen Bankhäusern auf, die teilweise bis heute existieren.


Sie verkörpern stellvertretend den zweiten Roten Faden dieser Serie, die Kapitalsammelstellen, die mit der Zeit immer reicher und mächtiger wurden.

Damit war das Fundament gelegt. Doch um dieses Netz wirklich profitabel zu machen, brauchte es mehr als nur Kuriere. Es brauchte eine Allianz der beiden mächtigsten Geldhäuser der Welt.


Die „Deux Cents Familles“: Die stille Übernahme der Banque de France


Napoleon hinterließ nach seinem Sturz zwar ein politisches Machtvakuum, doch das finanzielle Zepter war längst weitergereicht worden – an eine neue Kaste von Akteuren: die „Haute Banque“. Es war eine kleine, exklusive Gruppe von etwa 200 Familien – oft protestantisch oder jüdisch, international vernetzt und extrem diskret.


Ihr Meisterstück war die stille Übernahme der Banque de France. Napoleon hatte sie im Jahr 1800 eigentlich gegründet, um die volle Kontrolle über das Geld zu haben. Doch ihm fehlte das Entscheidende: das Eigenkapital. Also wandte er sich an die privaten Bankiers. Was folgte, war eine der elegantesten feindlichen Übernahmen der Geschichte: Die Bankiers gaben das Geld, aber sie schrieben auch das Kleingedruckte der Satzung. Die Machtstruktur der Bank war eindeutig zugunsten des Kapitals aufgebaut.


Zwar waren die Aktien der Bank an der Börse handelbar, doch die Statuten waren unmissverständlich: Nur die 200 größten Aktionäre durften in der Generalversammlung wählen. Diese legendären „Deux Cents Familles“ wählten den allmächtigen „Regentenrat“ (Conseil de Régence). Und wer saß dort? Keine Beamten, keine Volksvertreter, sondern die Patrons der privaten Bankhäuser: Die Mallets, die Hottinguers, die Mirabauds und später die Rothschilds.


Zwar zeigten spätere Analysen, dass viele dieser "200 Familien" eher passive Rentiers waren, doch der harte Kern der Finanzelite dominierte die Entscheidungen. So entstand ein staatliches Paradoxon: Die Fassade trug die Inschrift „Banque de France“ und wirkte wie eine Behörde, doch dahinter operierte eine „Banque des Banquiers“. Ein Regent formulierte es später ganz unverblümt: „Die Bank ist nicht dazu da, dem Staat zu dienen, sondern um den Staat im Zaum zu halten.“


Die stille Allianz des Kapitals – von der Pax Britannica zur Pax Bancaria


Mit der Installation der „Haute Banque“ in Paris geschah etwas, das die geopolitische Landkarte Europas nachhaltiger veränderte als jeder Friedensvertrag: Die Erzfeindschaft zwischen England und Frankreich begann zu erodieren. Ab 1815 führten beide Nationen keinen Krieg mehr gegeneinander, nachdem sie 500 Jahre lang bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegeneinander zu Felde gezogen waren.


Während die Diplomaten in der Öffentlichkeit weiter die nationale Rivalität pflegten und um Kolonien stritten, schlossen die Zentralbanken im Stillen eine Vernunftehe. Ihre gemeinsame Sprache war nicht Englisch oder Französisch, sondern Gold. Es war die Geburtsstunde einer stillen Allianz des Kapitals. Die Logik war zwingend: Da die Bilanzen der Banken in London und Paris durch Anleihen und Wechselkurse eng verflochten waren, wurde ein Krieg zwischen den beiden Mächten zu einem finanziellen Selbstmordrisiko.


Das Kapital kannte kein Vaterland mehr, es kannte nur noch Interessen. Aus den Erbfeinden wurden Schritt für Schritt Geschäftspartner. Den ultimativen Beweis für diese neue Ära der Pax Bancaria lieferte das Jahr 1839. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Nur 24 Jahre nach der Schlacht von Waterloo stand der Sieger England finanziell mit dem Rücken zur Wand. Missernten und eine Bankenpanik in den USA hatten die Goldreserven der Bank of England fast vollständig aufgezehrt. Der stolzen „Old Lady of Threadneedle Street“ drohte die Zahlungsunfähigkeit.


Wer rettete das britische Empire vor dem Bankrott? Nicht die eigenen Kolonien, sondern der alte Erzfeind Paris. In einer diskreten Operation, eingefädelt von der Haute Banque, griff die Banque de France ihrem Londoner Pendant unter die Arme. Hier ein Zitat aus einer Studie des National Bureau of Economic Research, Massachusetts – das alle drei Roten Fäden in sich vereint:


In negotiations between the two central banks, the Banque de France stated that its statutes would not permit it to lend money on foreign bills or securities, but that it could discount bills with bankers who would lend to the Bank of England through the house of Barings as intermediary. A syndicate of 12 of the most prominent Paris banks under the leadership of Hottinguer arranged the line of credit. In 1839 £2 million was drawn, which allowed the Bank of England to avoid a suspension of convertibility (Flandreau 1997). A line of credit for £900,000 was also arranged with banks in Hamburg (Kindleberger 1989, 204).“


Die Öffentlichkeit erfuhr davon erst ein Jahr später durch einen Untersuchungsausschuss (1840). Ein Kollaps der Bank of England hätte die Pariser „Haute Banque“ mit in den Abgrund gerissen, und somit das europäische Finanzsystem in einen systemischen Kollaps geführt.


Die internationale Bankenwelt war bereits damals eng miteinander verflochten, ein Kollaps der beiden größten Banken im System hätte kaum vorstellbare Auswirkungen gehabt.


Wenn England und Frankreich in den folgenden Jahrzehnten in den Krieg zogen – wie etwa im Krimkrieg –, dann taten sie es nicht mehr gegeneinander, sondern Seite an Seite. Die „Entente Cordiale“, das offizielle Bündnis von 1904, wurde in Wahrheit schon über ein halbes Jahrhundert früher geschmiedet – nicht in den Außenministerien, sondern in der diskreten Stille der ledernen Sessel und holzgetäfelten Kabinette der Zentralbanken.


Der Staat als Inkasso-Büro: Die goldene Saugpumpe


Man könnte nun innehalten und fragen: Ist das nicht eine gute Nachricht? Wenn Bankiers Kriege verhindern, weil sie schlecht fürs Geschäft sind; wenn England und Frankreich friedlich Handel treiben statt sich zu beschießen; wenn eine stabile Währung die Wirtschaft florieren lässt – ist das nicht der Fortschritt, von dem die Aufklärung geträumt hat? War die „Pax Bancaria“ nicht ein Segen für Europa?


Auf der Oberfläche: Ja. Die Wirtschaft wuchs, Eisenbahnen durchschnitten die Landschaft, Fabrikschlote rauchten. Doch jede Maschine braucht Treibstoff. Und der Treibstoff für diese finanzielle Friedensordnung war nicht Kohle, sondern die Arbeitskraft der breiten Masse.


Das System, das die „Haute Banque“ installiert hatte, war eine gigantische, unsichtbare Saugpumpe. Sie funktionierte nach einem Prinzip, das so perfide wie genial war: Die Umverteilung von unten nach oben durch die Staatsanleihe.

Wie funktionierte dieser Mechanismus? Der Staat hatte sich bei den Reichen massiv verschuldet (über die Anleihen). Um die Zinsen – jene heiligen 3 bis 5 Prozent – pünktlich an die Gläubiger zu zahlen, brauchte er Einnahmen. Doch es gab kaum Einkommensteuern, und Vermögensteuern waren für die Elite tabu. Also holte sich der Staat das Geld dort, wo es am wenigsten Widerstand gab: beim Konsum. Er erhob „indirekte Steuern“ auf alles, was zum Leben nötig war. Auf Salz, auf Brot, auf Zucker, auf Wein, auf Kerzen, ja sogar auf Fenster und Türen. Wer hat´s erfunden – die Engländer! Und die meisten europäischen Staaten kopierten das System.


Das Ergebnis war ein perverser Kreislauf: Der Hafenarbeiter in Marseille oder der Weber in Manchester zahlte mit jedem Laib Brot einen winzigen Tribut an den Staat. Der Staat sammelte diese Millionen von Kupfer-Münzen, bündelte sie zu Goldbarren und reichte sie als Zinszahlung an die Spitze der Pyramide weiter.

Diese gesellschaftliche Spitze war nicht „das Volk“. Es war nicht einmal das Bürgertum. Es war eine winzige Kaste von vielleicht 2.000 Familien in ganz Europa. Es war die Geburtsstunde des Rentiers – jenes Typus, der nicht arbeitete, nicht produzierte und nicht erfand, sondern der besaß. Sein Beruf war das „Couponschnippeln“. Er lebte davon, dass der Staat die steuerliche Ernte der Millionen Arbeitsbienen einsammelte und ihm als garantierte Rendite servierte. Der Staat war nicht mehr der "Vater des Volkes", er war zum Inkasso-Dienstleister für das Vermögen geworden, die Einwohner sprichwörtlich zu Bürgen.


Die große Gold-Illusion: Wie der Zinseszins das Metall besiegte


Wechseln wir kurz auf die analytische Ebene: In einem Kredit- und zinsbasierten Geldsystem, das auf Goldmünzen beruht, kommt es unweigerlich durch das exponentielle Wachstum der Zinsen zu Spannungen, wenn nicht ausreichend Gold gefördert wird. Zwischen 1815 und 1848 wurden aber nur zwischen 10 und 15 Tonnen Gold jährlich weltweit gefördert, es herrschte in Europa Goldmangel. Die Wirtschaft wuchs durch die Industrialisierung rasant (mehr Waren), aber die Geldmenge (Gold) wuchs kaum. Die Folge war eine Deflation, Kredite drohten zu platzen. Die Situation war vergleichbar mit der Zeit vor der Entdeckung der großen Gold- und Silberminen in Südamerika durch die Spanier.


Wie damals, so kam auch diesmal der Zufall der Geologie dem Geldsystem rettend herbei – die großen Goldfunde in Kalifornien 1848 stabilisierten das System, ab 1850 fluteten 200 Tonnen jährlich den Markt, später kamen die Funde in Australien und Südafrika hinzu. Zum Ende des Jahrhunderts wurden weltweit rund 450 Tonnen Gold gefördert. Das neue Gold deckte aber nicht die Währung, es diente als Hebel für noch mehr Kredit. Und es reichte nicht aus, um die exponentiell wachsende Geldmenge zu decken. Analysen zeigen: Um die Jahrhundertwende (1900) lagerten in den Tresoren der Bank of England vielleicht 35 Millionen Pfund in Gold. Doch die gesamte Geldmenge, die im britischen Empire zirkulierte, hatte die Milliardengrenze längst überschritten. Die reale Deckung war auf unter 4 Prozent geschmolzen. Der Goldrausch verhinderte also nicht die Inflationierung der Geldmenge – er ermöglichte sie erst. Das Fractional-Reserve-System war stillschweigend durch die elegante Hintertür der Bankierspaläste in das Geldsystem eingewoben worden.


Um es nochmal drastisch zusammen zu fassen: Selbst eine Nation, die ein Jahrhundert lang Kontinente geplündert, Menschen versklavt und die Welt industrialisiert hatte, konnte gegen die Mathematik des Zinseszinses nicht gewinnen. Denn die Beute dieses globalen Raubzugs verdampfte im Hochofen des Schuldgeldsystems. Was blieb, war ein Koloss auf tönernen Füßen – eine Weltmacht, deren Währung nur noch zu vier Prozent durch echtes Gold gedeckt war.


Die exponentielle Ausweitung der Geldmenge durch den Zinseszins-Mechanismus hatte die wirtschaftliche Realität somit längst weit überholt. Dieses System funktionierte nur so lange stabil, weil der Goldmarkt von zwei Banken dominiert wurde. Mit der Reichsgründung 1871 und dem radikalen Wechsel zum Goldstandard betritt allerdings ein dritter, aggressiver Spieler das Terrain, der seinen Anteil am begrenzten Goldmarkt einfordert. Das ist der Keim der Krise, die sich im 20. Jahrhunderts brutal entlädt.


Das Paradoxon: Warum staatliches Sparen zu Finanzkrisen führt


Betrachtet man das 19. Jahrhundert aus der Distanz, fällt wiederum eine bemerkenswerte kausale Ereigniskette auf: Wenn der Staat seine Schulden tilgt oder keine neuen aufnimmt, folgen fast unmittelbar verheerende Finanzkrisen.

Die britische Regierung konsolidierte zwischen 1815 und 1825 ihren gigantischen Schuldenberg, nahm keine neuen Kredite mehr auf und reduzierte die Zinszahlungen bei der Refinanzierung (Conversion) massiv von 5 auf 4 und schließlich 3,5 Prozent. Der britische Staat als der verlässlichste Schuldner der Welt zog sich vom Markt zurück. Diese Rückzahlung der Staatsschulden ab 1816 war der direkte Zünder für die erste große Finanzkrise des modernen Kapitalismus. Das überschüssige Kapital floss in hochriskante Abenteuer: In die Anleihen der gerade unabhängig gewordenen Staaten Südamerikas und in dubiose Minenprojekte. Es entstand eine gigantische Blase, die 1825 platzte und das britische Bankensystem fast vernichtete. Nur 15 Jahre später folgte die berüchtigte „Railway Mania“, bei der jeder, der auch nur die vage Absicht bekundete, irgendwo im Dreck eine Schiene zu verlegen, mit Geld zugeschüttet wurde. Diese Krise war ursächlich für die stille Hilfe durch die Banque de France 1839.


Das 19. Jahrhundert war zwar arm an militärischen Schlachten, aber dafür umso reicher an finanziellen Katastrophen. 1847 die Eisenbahn-Panik, 1857 die erste Weltwirtschaftskrise, der „Black Friday“ 1866, der Gründercrash 1873, die Osmanische Schuldenkrise 1875 und die Barings-Krise 1890 sind der Beweis, wie instabil das Geldsystem war, wenn der zwangsläufig entstehende Kapitalüberschuss in riskante Anlagen fließt und nicht vom Staat durch die Ausgabe von Staatsanleihen aufgesaugt wird.


Dieses Muster zieht sich ab der Krise von 1825 konsequent bis heute durch, ohne hier zu weit vorgreifen zu wollen. Es geht in der Systemanalyse also nicht primär um den viel zitierten „Lender of Last Resort“ – denn Papier kann man zur Not immer bedrucken –, sondern um den „Borrower of Last Resort“. Für die Systemstabilität ist der Staat als permanenter Schuldner das Fundament, auf dem alles andere aufgebaut ist. Und wir als Bürger bürgen mit unseren Steuern für eine pünktliche Bezahlung der Zinsen –  wir sind das human collateral.


Der trügerische Frieden hielt knapp 100 Jahre. Dass es dabei in den Straßen brodelte, dass die Pariser Kommune blutig niedergeschlagen wurde und Arbeiteraufstände durch Europa fegten, taucht in den Bilanzen kaum auf. Sie waren die Arbeitskraft, die die gut geölten Maschinen des Kapitalismus vorne einsaugten und als Zinskupons hinten ausspuckten.


Der Dritte Rote Faden – ein tödlicher Strick


Bevor wir nun über den Atlantik segeln, um das beginnende Zeitalter des Dollars zu beleuchten, ein letzter Schritt zurück: Tief in die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches, nach Stuttgart in Württemberg. Der dritte Rote Faden dieser Serie, die Legitimation der Finanzmacht – wird hier für den Hofjuden Joseph Süß Oppenheimer zum tödlichen Strick.


Wir schreiben das Jahr 1738. Die Geschichte von Joseph Süß Oppenheimer muss erzählt werden, denn sie ist nicht nur ein eiskalter Justizmord, eine menschliche Tragödie und die Exekution eines Gläubigers zur Schuldentilgung, sondern auch die Blaupause für den sich anschließenden Antisemitismus in Deutschland. Unmittelbar nach seiner Hinrichtung am Galgen 1738 wurde er durch Flugblätter und Pamphlete zur „Ikone“ des angeblichen jüdischen Wuchers stilisiert. Er ist historisch die Leitfigur des ökonomischen Antisemitismus. Die Nationalsozialisten mussten dieses Bild nicht erfinden, das Narrativ war tief verankert, sie mussten es nur aufgreifen. In ihrem Propagandafilm „Jud Süß“, der unter der Schirmherrschaft von Joseph Goebbels entstand, wurde Oppenheimer endgültig vom historischen Opfer zum dämonischen Täter verdreht.


Zur unendlichen Schande der Justiz muss abschließend erwähnt werden, dass Oppenheimer in einen eisernen Käfig gehängt wurde, der über sechs Jahre lang hoch über der Stadtmauer zur Schau hing – ein kaum in Worte zu fassendes Verbrechen an der Menschlichkeit.


Warum dieser Rückblick? Weil er den Machtwandel des 19. Jahrhunderts beweist. Oppenheimer endete noch im eisernen Käfig, weil er dem Fürsten zu mächtig wurde und als Sündenbock herhalten musste.


Die stille Machtübernahme durch das Kapital – Geld regiert die Welt


Die Bankiers des 19. Jahrhunderts, die Rothschilds und die Haute Banque, hatten dieses Schicksal überwunden. Sie ließen sich nicht mehr in Käfige sperren. Sie hatten den Spieß umgedreht. Nicht mehr der Bankier zitterte vor der Willkür des Monarchen, sondern die Monarchen zitterten vor dem Zinsentscheid der Bankiers.

Das Kapital hatte gelernt, sich zu schützen. Es hatte sich hinter Gesetzen, Parlamenten und Zentralbank-Statuten verschanzt. Oppenheimer war noch der Diener des Hofes gewesen. Die Haute Banque und die Rothschilds waren der Hof.


Europa war nun fest in der Hand dieses Systems. Aber der Zinseszinseffekt zog bereits erste Risse in dieses fragile System, anfangs kaum sichtbar, dafür aber später umso tiefer. Sie explodieren am Anfang des 20. Jahrhundert in einer bis dahin beispiellosen industriellen Massenvernichtung von Menschenleben. Denn so sehr wir Geld auch glorifizieren mögen, es hinterlässt stets eine blutige Schneise der Zerstörung.


Doch zuvor richten wir den Blick nach Amerika. Denn das nächste Kapitel der Geldgeschichte wird nicht mehr in Pfund oder Franc geschrieben, sondern in Dollar.




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