Festung Amerika & NSS 2025: Das übersehene Dokument der neuen Weltordnung
- Thomas Hartz
- 2. Jan.
- 13 Min. Lesezeit

Die neue National Security Strategy NSS 2025 ist nicht nur eine ökonomische Kriegserklärung, sie ist das ideologische Fundament einer neuen Weltordnung, die von der "Festung Amerika" angeführt wird. Vom 5%-NATO-Ziel bis zum Zugriff auf 7 Billionen Dollar via Deutschlandfonds: Warum Berlin schweigt und was die Festung Amerika für Ihr Vermögen bedeutet. Eine Analyse.
Das Ende der „Pax Americana": Die neue US-Sicherheitsstrategie im Detail
Wäre Donald Trump ein Mann der leisen Töne und des historischen Gedächtnisses, hätte er über das Deckblatt der am 4. Dezember veröffentlichten National Security Strategy (NSS) nur einen einzigen Satz schreiben müssen: It’s our security architecture, but it’s your problem.
Während sich die Berliner Republik in einer fast rührenden Obsession mit der Verwaltung des Status quo erschöpft, hat in Washington ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der in der deutschen Öffentlichkeit mit einer nahezu lethargischen Realitätsverweigerung ignoriert wird. Man könnte es Diplomatie nennen – doch angesichts der existenziellen Wucht der US-Strategie grenzt dieses Schweigen an dokumentierte Verantwortungslosigkeit. Zwar inszeniert die NSS 2025 die neue US-Härte primär als notwendigen Schutzwall gegen Chinas Aufstieg, doch im Schatten dieses neuen globalen Gewölbes droht Europa nicht Sicherheit, sondern die schleichende ökonomische Bedeutungslosigkeit.
Deutsche Medien & NSS 2025: Das Schweigen der Lämmer
Es ist ein bemerkenswertes Phänomen der politischen Kommunikation: Während das Fundament unseres Wohlstands in Washington offiziell zur Disposition gestellt wird, verharren die deutschen Leitmedien in einer Art Schockstarre, die sie hinter einer Fassade moralischer Entrüstung verbergen. Wer die Berichterstattung von FAZ, Spiegel oder den öffentlich-rechtlichen Sendern verfolgt, gewinnt den Eindruck, es handele sich bei der National Security Strategy (NSS) lediglich um ein kulturelles Ärgernis, nicht um einen ökonomischen Verdrängungswettbewerb.
Die großen Flaggschiffe der deutschen Presselandschaft konzentrieren sich fast ausschließlich auf den „Lärm“ – auf Trumps martialische Rhetorik zur „zivilisatorischen Auslöschung“ oder die unverblümte Einmischung in die EU-Politik zugunsten ideologischer Gesinnungsgenossen. In Sendungen wie Caren Miosga oder dem ZDFheute live dominiert das Entsetzen über den Tonfall, während die operative Substanz des Dokuments im toten Winkel der Berichterstattung bleibt.
Während sich die Redaktionen an Trumps Zitaten abarbeiten, bleibt die tiefgreifende Umstellung der US-Ökonomie auf eine „Wartime Production“ – eine Kriegswirtschaft, die keinen Platz mehr für Partner vorsieht – fast gänzlich unerwähnt. Dieser Artikel möchte die fehlende Informationslücke schließen.
Bleiben wir vorerst bei der reinen Analyse des vorliegenden Textes und untersuchen die wichtigsten militärischen und politischen Keywords. Spitzenreiter ist der Begriff Economy (44x) gefolgt von Defense (26x), Migration/Border (24x), Military (23x), Sovereignty (16x) und Deterrence (15x).
Das Dokument liest sich weniger wie eine klassische Militärstrategie und mehr wie ein wirtschaftspolitisches Manifest mit Sicherheitsfokus. Die Wirtschaft ist die neue Frontlinie.
Alternative Fakten und das Ende des post-atlantischen Konsenses
Die neue Sicherheitsstrategie der USA ist nicht bloß ein weiteres Papier, sie ist die nüchterne, unsentimentale Aufkündigung des amerikanischen Schutzversprechens zugunsten einer radikalen Interessenpolitik. Sie stellt eine Kriegserklärung an den Status quo dar. Wer sich die Mühe macht, die 33 Seiten zu lesen, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Aber der Reihe nach – zuerst möchten wir ein Narrativ auflösen, das sich durch das ganze Dokument zieht. Die Behauptung, Donald Trump habe 8 Konflikte in 8 Monaten befriedet, ist schlichtweg historisch nicht tragfähig, selbst bei wohlwollender Betrachtung. Auch das mehrmalige Wiederholen dieser Behauptung ändert an den Tatsachen nichts. Das Dokument listet folgende befriedete Konflikte auf:
„He negotiated peace between Cambodia and Thailand, Kosovo and Serbia, the DRC and Rwanda, Pakistan and India, Israel and Iran, Egypt and Ethiopia, Armenia and Azerbaijan, and ended the war in Gaza with all living hostages returned to their families.“
Diese ethnischen Spannungen als „gelöst“ zu klassifizieren stellt eine illusorische Vereinfachung komplexer und tief verwurzelter Konflikte dar. Es herrscht mehr eine erzwungene Ruhe durch Androhung massiver Gewalt oder ökonomischen Drucks.
Auch das Vorwort des Präsidenten liest sich mehr wie ein Wahlkampfpamphlet, es eröffnet mit: „My fellow Americans.“ Aber bereits hier wird eine Hauptforderung gestellt, die sich konsequent durch das ganze Dokument zieht: Die Rüstungsausgaben von 2 auf 5 Prozent des BIPs zu erhöhen. Das im Juni 2025 unterzeichnete „Hague Commitment“ ist der politische Vollzug der US-Forderungen. Dort wurde die Erhöhung der Wehretats auf 5 Prozent des BIPs zementiert, die bisherige NATO-Zusage von Wales (2014) lag bei 2 Prozent. Die NSS formuliert dies nicht als Vorschlag, sondern als bereits „endorsed" (gebilligt), was den enormen Druck auf die NATO-Staaten unterstreicht.
Komme wir nun zum Strategiepapier zur Nationalen Sicherheit der USA, dem ersten Kapitel – was genau wollen die USA?
Wartime Production: Warum die US-Wirtschaft auf Kriegswirtschaft umstellt
Grob zusammengefasst, will man überall der Größte und Beste sein. Aber diese Passage ist bemerkenswert:
„We want to recruit, train, equip, and field the world’s most powerful, lethal, and technologically advanced military to protect our interests, deter wars, and—if necessary—win them quickly and decisively, with the lowest possible casualties to our forces.“
Man muss dieses Zitat auf sich wirken lassen. Die Schlüsselwörter sind „lethal“ (tödlich) und „decisively“ (entscheidend). Es ist die Doktrin des kurzen, harten Schlages. Die USA kündigen hier faktisch an, dass künftige Konflikte nicht mehr als langwierige Besatzungen geführt werden, sondern als hochtechnologische Strafexpeditionen. Die im Vorwort lobend erwähnte Operation „Midnight Hammer“ ist ein solches Beispiel. Sie erhöht die Glaubwürdigkeit der US-Drohungen massiv.
Genauso interessant ist dieser Abschnitt: „American national power depends on a strong industrial sector capable of meeting both peacetime and wartime production demands. That requires not only direct defense industrial production capacity but also defense-related production capacity. Cultivating American industrial strength must become the highest priority of national economic policy.“
Das Schlüsselwort hier ist „wartime“. Die USA stellen ihre Ökonomie von Effizienz auf Resilienz um. Von „Just-in-Time“ auf „Just-in-Case“. Von der Produktion von Flatscreens und Kühlschränken hin zu Panzern und Drohnen.
Die Implikation ist gewaltig: In Washingtons neuer Logik ist der Import von Gütern – selbst von Verbündeten – eine strategische Schwäche, eine Lücke in der „Wartime Production Capacity“. Der Begriff „defense-related“ (verteidigungsrelevant) dient dabei als universeller Hebel. Er erlaubt es der US-Regierung, praktisch jeden Industriezweig – vom Chip bis zur Chemie – unter den Schutzschirm der Nationalen Sicherheit zu stellen und ausländische Konkurrenz rigoros auszusperren.
Für ihre eigene westliche Hemisphäre, die sie de Facto von Kanada/Grönland bis Feuerland neu definieren, gelten noch exklusivere Bedingungen, wie man auf Seite 5 des Dokuments lesen kann:
„(…) we want a Hemisphere that remains free of hostile foreign incursion or ownership of key assets, and that supports critical supply chains; and we want to ensure our continued access to key strategic locations . In other words, we will assert and enforce a “Trump Corollary” to the Monroe Doctrine.“
Das ist eine Kampfansage an die chinesische Belt and Road Initiative in Lateinamerika und an jedes Unternehmen mit starker Lateinamerika-Exposure ohne eigene US-Tochter oder US-Produktion.
Trump-Corollary & Lateinamerika: Die Hemisphäre als exklusive US-Zone
Ein Korollar (vom lateinischen corollarium) ist in der Logik und Mathematik ein Satz, der sich ohne weiteren Beweis direkt aus einem anderen ergibt. Eine zwingende Konsequenz.
In der Geopolitik – und genauso nutzt es Trump hier – ist es ein Zusatzartikel oder eine Verschärfung einer bestehenden Doktrin. Die Basis von allem war die Monroe Doktrin von 1823 (defensives Schild), die erste Verschärfung der Roosevelt-Korollar von 1904 (Weltpolizei). Die Proklamation eines „Trump-Corollary“ zur Monroe-Doktrin ist nichts Geringeres als die offizielle Umwandlung des gesamten amerikanischen Doppelkontinents – von der Arktis bis Feuerland – in ein geo-ökonomisches Exklusivgebiet der USA.
Washington macht unmissverständlich klar: Jede ausländische Beteiligung an kritischer Infrastruktur oder strategischen Ressourcen in dieser Region wird künftig als „hostile foreign incursion“ (feindliches Eindringen) gewertet. Doch der Griff nach totaler Kontrolle beschränkt sich nicht auf den eigenen unmittelbaren Einflussbereich – auch der alte Kontinent Europa wird einer ideologischen Musterung unterzogen.
Auf der gleichen Seite 5 findet man einen weiteren Satz, den man zweimal lesen muss:
„We want to support our allies in preserving the freedom and security of Europe, while restoring Europe’s civilizational self-confidence and Western identity.“
Washington bietet hier nichts anderes als die Hilfe zur Widerherstellung einer verlorenen Identität. Das ist keine Außenpolitik mehr, das ist kulturkämpferische Intervention. Die beunruhigende Frage, die sich jedem führenden Politiker in Europa stellen muss, lautet: Wen genau meint Washington hier mit „Allies"? Wenn die aktuelle EU-Politik in den Augen der US-Administration für den Verfall („loss of self-confidence") verantwortlich ist, dann können die aktuellen Regierungen logischerweise nicht die Verbündeten sein. Meint das Dokument also oppositionelle Kräfte? Der Begriff „Ally" wird hier gefährlich unscharf. Er bezeichnet nicht mehr den völkerrechtlichen Partner, sondern den ideologischen Gesinnungsgenossen. Aus dieser Perspektive betrachtet erscheinen die Einladungen der AfD-Politiker nach Washington in einer ganz neuen Qualität.
Berlin tut es als Provokation ab, die Realität ist aber, dass der wichtigste Verbündete nicht mehr exklusiv mit der Regierung spricht, sondern bereits das Personal für die Zeit nach dem erhofften politischen Wandel castet. In dem Absatz über „Promoting European Greatness“ ab Seite 25 wird dies auch nochmal deutlich ausgesprochen. Die USA attestieren dem europäischen Kontinent eine „zivilisatorische Auslöschung“. Das Versagen wird dabei direkt bei den aktuellen Regierungen und der EU-Bürokratie verortet. Das Dokument bricht somit mit dem eisernen Gesetz der Nichteinmischung.
Es geht sogar noch explizit weiter: Ein besonders verstörender Aspekt ist die Verknüpfung von Demografie und Bündnistreue. Die NSS formuliert, dass NATO-Staaten, die „majority non-European“ werden könnten, ihre Bündnisverpflichtungen gegenüber den USA möglicherweise nicht mehr in gleicher Weise wahrnehmen. Dies führt eine höchst brisante ethnisch-kulturelle Komponente in die NATO-Beistandsgarantie ein: Gilt Artikel 5 nur für ein mehrheitlich „weißes“ oder „christliches“ Europa?
Diese neue Doktrin der USA könnte von populistischen Politikern aufgegriffen werden, da es die europäische Migrationspolitik mit der nationalen Sicherheitsfrage verbindet. Das kann zu einer tiefen Spaltung und Destabilisierung der europäischen Gemeinschaft führen.
Die Strategie der USA – die Außenpolitik
Das vierte Kapitel über die Strategie der USA eröffnet mit einer brillanten, intellektuell präzisen Zusammenfassung der Trumpschen Außenpolitik:
„President Trump’s foreign policy is pragmatic without being “pragmatist,” realistic without being “realist,” principled without being “idealistic,” muscular without being “hawkish,” and restrained without being “dovish.” It is not grounded in traditional, political ideology. It is motivated above all by what works for America—or, in two words, “America First.”
Um es kurz zu übersetzen, es bedeutet das absolute Primat der Willkür. Ideologisch folgt das Fundament zwei Seiten später in dem Abschnitt über die Balance of Power:
„The United States cannot allow any nation to become so dominant that it could threaten our interests“ und „the outsized influence of larger, richer, and stronger nations is a timeless truth of international relations.“
Die USA akzeptieren hier offiziell das Konzept der Einflusssphären. Sie gestehen anderen Großmächten (China, Russland) zu, dass sie in ihrer Region dominieren dürfen, solange sie nicht zur globalen Gefahr werden. Russland wird nicht mehr als „akute Bedrohung“, sondern als potenzieller Partner für „strategische Stabilität“ gesehen, um es von China zu lösen. Für Europa und vor allem für kleine Staaten (Ukraine, Tawan) ist das eine Hiobsbotschaft.
Die gesamte Außenpolitik der Europäischen Union, die darauf abzielte, im Windschatten der amerikanischen Kavallerie mit einem stumpfen Messer eine Atommacht zu sticheln, entpuppt sich als gefährlicher Alleingang.
Atlas legt die Kugel ab: Das 5-Prozent-Ziel und die Folgen für die NATO
Auf Seite 12 des Dokuments werden die NATO-Staaten erneut explizit aufgefordert, 5 Prozent des BIPs in die Verteidigungsausgaben zu investieren. Der Vergleich mit Atlas und der Weltkugel ist von hoher Symbolik. Atlas wurde nach seiner Niederlage von Zeus dazu verdammt, das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern zu tragen. Es ist das Bild einer ewigen, schweren Last, die ohne Unterbrechung getragen werden muss, damit die Ordnung der Welt bestehen bleibt. Die USA definieren die Rolle des „Weltpolizisten“ als einen unzumutbaren Fluch, den sie nun abstreifen. Atlas mutiert zur privaten Security-Agency: Ein Titan, der gestützt auf die schiere Gewalt der größten Armee und die Infiltration der mächtigsten Geheimdienste nun weltweit seinen Tribut einfordert.
„The days of the United States propping up the entire world order like Atlas are over. We count among our many allies and partners dozens of wealthy, sophisticated nations that must assume primary responsibility for their regions and contribute far more to our collective defense. President Trump has set a new global standard (…) NATO countries to spend 5 percent of GDP on defense (…).“
Diese 5 Prozent bedeuten für Deutschland alleine weitere 130 Milliarden € zusätzlich an Militärausgaben, die aus dem aktuellen Haushalt unmöglich gestemmt werden können. Was bleibt, sind weitere Schulden aufzunehmen, oder den Sozialstaat vollständig abzubauen, um Haushaltslöcher dieser Größenordnung zu finanzieren. Oder Sie ist dazu gedacht, nicht erfüllt zu werden. Sie liefert den USA den permanenten moralischen und vertraglichen Grund, Sicherheitsgarantien zu verweigern oder Kompensationen in anderen Bereichen zu fordern. Es ist ein Erpressungsinstrument. Aber es kommt noch schlimmer, Trump will quasi alles (Seite 26):
„America and its allies have not yet formulated, much less executed, a joint plan for the so-called "Global South,” but together possess tremendous resources. Europe, Japan, South Korea, and others hold net foreign assets of $7 trillion. International financial institutions, including the multilateral development banks, possess combined assets of $1.5 trillion. While mission creep has undermined some of these institutions’ effectiveness, this administration is dedicated to using its leadership position to implement reforms that ensure they serve American interests.“
Das Dokument stellt fest, dass Europa, Japan und Südkorea über ein Nettoauslandsvermögen von rund 7 Billionen Dollar verfügen. Und hier schließt sich übrigens der Kreis zu unserer aktuellen Serie über das Geldsystem.
In der Logik der „Festung Amerika“ ist dieses Kapital eine strategische Reserve, die im Sinne der USA eingesetzt werden muss. Washington kündigt an, internationale Finanzinstitutionen so zu „reformieren“, dass sie exklusiv amerikanischen Interessen dienen. Es ist die offizielle Umwandlung von Bündnispartnern in Finanzdienstleister eines US-geführten Wirtschaftsblocks.
Da wir das Geldsystem bereits angesprochen haben, aus dieser zugegeben monokausalen Perspektive heraus betrachtet macht es durchaus Sinn. Wir müssen, wie die damals die Fugger, „all-in“ gehen, um das aktuelle Dollar-Geldsystem überhaupt noch irgendwie stabil zu halten. Mit dem Unterschied, dass diese Forderung von einer nuklear bewaffneten Nation mit der stärksten Armee der Welt erhoben wird. Europa wäre gut beraten, einheitlicher und konsequenter über seine Sicherheitsarchitektur nachzudenken. Das könnte bedeuten, dass Bündnispartner der USA ihre Handelsüberschüsse in US-Treasuries investieren müssen. Es droht ein Zwangskauf von US-Schulden durch europäische Sparer, um den Dollar als Weltwährung zu stabilisieren und das US-Defizit zu finanzieren.
Deutschlandfonds & Aktivrente: Die strategische Reserve für die US-Schulden?
Dass diese geopolitische Neuausrichtung keine bloße Theorie bleibt, zeigt ein Blick auf die Berliner Innenpolitik unter Bundeskanzler Friedrich Merz. Im Dezember 2025 verabschiedete die Bundesregierung mit der „Aktivrente“ und dem „Deutschlandfonds“ weitreichende Reformen, die offiziell als Antwort auf den demografischen Wandel und als „Investitionsbooster“ für den Mittelstand beworben werden. Flankiert von einem medialen Narrativ-Wechsel, der das bisherige Umlageverfahren als unfinanzierbar darstellt und die Notwendigkeit kapitalgedeckter Säulen betont, entsteht hier die notwendige Infrastruktur für eine massive Kapitalmobilisierung.
Doch dieses Vorhaben korrespondiert erschreckend präzise mit den Forderungen der US-Sicherheitsstrategie (NSS 2025), die das Nettoauslandsvermögen der Verbündeten in Höhe von 7 Billionen Dollar explizit als strategische Reserve definiert, die künftig „amerikanischen Interessen dienen muss.“ Während Kanzler Merz offiziell Widerstand gegen den US-Zugriff auf eingefrorene Gelder leistet, schafft er im Hintergrund genau jene konzentrierten Kapitaltöpfe, die unter dem Druck des „Hague Commitments“ oder zur Stabilisierung des Dollarsystems technisch erst abrufbar werden. Die 1,5 Prozent des Hague-Ziels für „Resilienz“ sind fast deckungsgleich mit den Investitionszielen des Deutschlandfonds für Infrastruktur und Energie. Zufall?
Was in Berlin als Modernisierung der Altersvorsorge deklariert wird, ist in der Logik Washingtons die strukturelle Vorbereitung eines Zwangskaufs von US-Schulden – der Tribut, den Atlas einfordert, während er die Last der Weltkugel abstreift.
Die Lizenz zum Spionieren: Wenn die NSA und der Botschafter für Konzerne arbeitet
Zurück zum National Security Strategy – Dokument. Vielleicht der schmutzigste Teil der neuen Strategie ist die offizielle Militarisierung der Wirtschaftsspionage. Die Intelligence Community – also CIA und NSA – erhält auf Seite 13 den expliziten Auftrag, globale Lieferketten und technologische Fortschritte zu überwachen, um den „amerikanischen Wohlstand zu sichern“. Aber auch die Botschaften werden neu kalibriert (S. 18):
„All our embassies must be aware of major business opportunities in their country, especially major government contracts. Every U.S. Government official that interacts with these countries should understand that part of their job is to help American companies compete and succeed.“
Sole-Source Contracts: Das Ende des freien Wettbewerbs für EU-Firmen
Der Text auf Seite 19 enthält eine Passage, die faktisch das Ende der freien Marktwirtschaft in der westlichen Hemisphäre fordert. Die USA verlangen von verbündeten oder abhängigen Staaten nicht mehr nur Fairness, sie verlangen Exklusivität:
„The terms of our agreements, especially with those countries that depend on us most and therefore over which we have the most leverage, must be sole-source contracts for our companies. At the same time, we should make every effort to push out foreign companies that build infrastructure in the region.“
Das wichtigste Wort heißt „Sole-Source". Im Klartext: Aufträge werden ohne Ausschreibung direkt an US-Firmen vergeben. Wettbewerb ist verboten. Washington nutzt hier seine geopolitische Macht („leverage") als Hebel, um amerikanische Exportinteressen durchzudrücken. Länder, die auf den militärischen Schutz der USA angewiesen sind, müssen als Gegenleistung ihre Staatsaufträge – sei es für 5G-Netze, Staudämme oder Waffensysteme – exklusiv in Amerika einkaufen.
Doch es kommt noch härter. Die Strategie kündigt an, ausländische Konkurrenten aktiv aus der Region zu „entfernen" („push out"). Das ist eine Kampfansage an die europäische Industrie, die in Lateinamerika traditionell stark vertreten ist. Wenn die USA ernst machen, werden deutsche Konzerne dort bald nicht mehr nur gegen US-Produkte konkurrieren, sondern gegen den US-Botschafter.
Der ewige Kreislauf: Wenn Aufrüstung zum Geschäftsmodell wird
Gegen Ende des Dokuments offenbart sich der wahre Geist der „Trump-Doktrin". Es ist die Vision eines wirtschaftlich-militärischen Perpetuum Mobile. Auf Seite 20 wird ein „Kreislauf“ beschrieben: Militärische Abschreckung soll den Raum für rücksichtslose wirtschaftliche Dominanz öffnen – und die daraus resultierenden Gewinne sollen wiederum das Militär finanzieren. Zudem wird schon offen von einem möglichen Krieg im Indo-Pazifik gesprochen:
„Importantly, this must be accompanied by a robust and ongoing focus on deterrence to prevent war in the Indo-Pacific. This combined approach can become a virtuous cycle as strong American deterrence opens up space for more disciplined economic action, while more disciplined economic action leads to greater American resources to sustain deterrence in the long term.“
Im eigenen Land spricht das Strategiepapier unverblümt von einer Nationalen Mobilisierung:
„America requires a national mobilization to innovate powerful defenses at low cost, to produce the most capable and modern systems and munitions at scale, and to re-shore our defense industrial supply chains.“
Also die Umstellung der US-Wirtschaft auf eine Kriegsindustrie, die mit den neuen technologischen Entwicklung der Kriegsführung Schritt hält und sie sogar anführt. Ziel dieser Politik ist schlicht, stärker als China zu bleiben, eine neue Spirale der Wettrüstung.
Das ist die endgültige Abkehr vom Prinzip des freien Handels zum Wohle aller. Handel dient hier nur noch als Treibstoff für die militärische Überlegenheit. Die USA definieren Wohlstand nicht mehr als Ergebnis von Wettbewerb und Innovation, sondern als Beute ihrer globalen Präsenz. Für Europa ist diese Logik eine Sackgasse. Wir werden aufgefordert, 5 Prozent unseres BIP in ein System einzuzahlen, dessen erklärtes Ziel es ist, uns ökonomisch durch Monopol-Verträge und Ressourcen-Kontrolle zu verdrängen.
Für die „Berliner Republik“ ist dieses Dokument das Ende aller Illusionen. Das ist die „Zeitenwende“, von der Ex-Kanzler Scholz geträumt hat. Wer glaubt, man könne diese Strategie „aussitzen“, verkennt ihre Tiefe. Washington hat Deutschland als Partner abgeschrieben und sucht sich stattdessen ideologische Gesinnungsgenossen, um den Kontinent von innen heraus neu zu ordnen. Wer die 33 Seiten liest, erkennt: Wir sind nicht mehr die Freunde der USA.
Niemand wird später sagen können, man habe es nicht gewusst. Die Akte liegt offen auf dem Tisch. Man muss sie nur lesen wollen.
Strategische Empfehlungen (Investoren-Checkliste)
Aus der Analyse dieses Dokuments leiten sich direkte wirtschaftliche Auswirkungen ab, die für Investoren interessant sein könnten. Nutzen Sie zur tieferen Analyse dieser Themen den kürzlich in einem Artikel vorgestellten KI-Börsenassistenten:
Portfolio-Check „Hemisphäre": Prüfen Sie Exposure in Lateinamerika. Unternehmen ohne US-Tochter oder US-Produktion („Re-shoring“) werden bei öffentlichen Aufträgen in der westlichen Hemisphäre benachteiligt sein (Stichwort: Sole-Source).
Rüstung ist das neue Tech: Die 5%-Hürde (Hague Commitment) verspricht einen Super-Zyklus für die Rüstungsindustrie bis 2035.
Infrastruktur & Cyber: Da 1,5% des BIP in „Resilienz“ fließen sollen, könnten Unternehmen im Bereich kritische Infrastruktur und Cybersecurity strategische Gewinner sein.
Vorsicht bei Export-Weltmeistern: Deutscher Maschinenbau, der stark von China oder offenen Märkten abhängt, gerät zwischen die Fronten der „Wartime Production“ und Exportkontrollen.


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