Die Panik von 1907: Wie J.P. Morgan das Geldsystem rettete und den Weg für die FED ebnete
- Thomas Hartz
- 14. Feb.
- 13 Min. Lesezeit

Wie ein Erdbeben, der Kollaps des Knickerbocker Trust und Bank Runs in der Panik von 1907 das Geldsystem fast zerstörten und Morgan es stabilisierte. Aber war er nur der glorreiche Retter oder auch der Dirigent der Krise?
Die Panik von 1907, J.P. Morgan und die Gründung der FED
In den ersten fünf Teilen unserer Serie haben wir gezeigt, wie das im Geldsystem verankerte Zinsparadoxon regelmäßig Bruchstellen erzeugt – ein Spannungsfeld, das unausweichlich in Finanzkrisen, Elend, Aufständen und auch großen Kriegen mündet – und zugleich herausragende Systemakteure hervorbringt. Von den Fuggern in Augsburg über die Rothschilds in Europa bis hin zu den amerikanischen Industrie-Aristokraten wie Vanderbilt und J.P. Morgan zieht sich diese Dynamik als Roter Faden durch die Finanzgeschichte.
Die Panik von 1907 wird gerne die „Mutter aller Krisen“ genannt, die zur Gründung der Federal Reserve 1913 führte. Sie beginnt mit einem realen Erdbeben, das das fragile globale Finanzsystem destabilisiert, bis die Schockwellen die Wall Street treffen. J.P. Morgan wird in der Finanzgeschichte als strahlender Retter in der Not dargestellt, als personifizierte Zentralbank. Doch seine Rolle ist komplexer: War er der Retter – oder der Dirigent, der das Orchester überhaupt erst spielen ließ?
Ein instabiles Geldsystem: Warum 1907 die „Mutter aller Krisen“ war
Um die Panik von 1907 zu verstehen, muss man sich das US-Geldsystem jener Zeit vor Augen führen: Es war roh, brutal und extrem instabil. Während Europa durch Zentralbanken bereits eine gewisse temporäre Stabilität erlangt hatte, scheiterten solche Versuche in den USA mehrfach. Die Geschichte der USA ist geprägt von einem tiefen Misstrauen gegen zentrale Finanzgewalt. Das Ergebnis war ein fragiles und fragmentiertes Geldsystem, das regelmäßig kollabierte. So sehr man Geld auch glorifiziert – es hinterlässt stets eine Schneise der Zerstörung, denn es ist von Natur aus instabil.
Die USA blieben davon nicht verschont In den ersten 132 Jahren nach ihrer Gründung erlebten sie sechs große Kriege, den Raubzug gegen die indigene Bevölkerung und mehrere Finanzkrisen. Insbesondere die Ära des Wildcat Banking zwischen 1837 und 1863 war für Sparer ein Albtraum, da sie regelmäßig mit wertlosen Blüten zurückblieben. Dieses historische Trauma erklärt, warum die Amerikaner 1907 so panisch reagierten: Sie wussten aus Erfahrung, dass ihr Geld wirklich wertlos sein konnte. Die ganze Finanzgeschichte der USA von Beginn an bis zur „Mutter aller Krisen“ zu beschreiben, sprengt den Rahmen dieses Artikels. Aber zwei Ereignisse müssen kurz erzählt werden, denn sie sind ein Spiegel der Ereignisse, die wir im europäischen Geldsystem bereits beleuchtet haben:
Robert Morris und Haym Salomon – J.P. Morgans historische Vorbilder
Robert Morris und Haym Salomon waren die Kapitalsammelstellen der USA des 18. Jahrhundert, sie finanzierten mit eigenen Mitteln und Krediten den Unabhängigkeitskrieg gegen England. Morris gründete nach dem Krieg die Bank of North America, die erste De-facto-Zentralbank der USA, um die Währung zu stabilisieren. Während er sein Vermögen erst ein paar Jahre später in der „Panik von 1796/97“ vollständig verlor, teilte Haym Salomon das Schicksal der frühen europäischen Bankiers, er wurde faktisch enteignet. Obwohl er die Regierung in schwerster Not mit privaten Mitteln und Krediten liquide gehalten hatte, traf ihn die volle staatliche Willkür des Zahlungsausfalls, wie einst die Fugger, die Medici oder die Genueser Bankiers. Er starb völlig mittellos und gilt oft als der tragische Held im Hintergrund, während Morris als Superintendant of Finance zumindest eine „systemische“ Machtposition innehatte, die ihn davor vorerst bewahrte.
Der Trugschluss von 1835 – Schuldenfrei ins Verderben
Im letzten Artikel der Serie über das Geldsystem haben wir in Europa historisch aufgezeigt, dass Finanzkrisen immer dann entstehen, wenn sich der Staat vom Kreditmarkt zurück zieht. Für die Systemstabilität ist der Staat als permanenter Schuldner das Fundament, auf dem alles andere aufgebaut ist. Er ist der „Borrower of last Resort“. Dieses Korollar gilt auch in Amerika.
Es gab einen einzigen Moment in der US-Geschichte, in dem die Staatsschulden exakt Null US-Dollar betrugen: im Januar 1835 unter Präsident Andrew Jackson. Erreicht wurde dies durch massive Landverkäufe, doch der Triumph war kurzlebig. Das überschüssige Geld floss in riskante Landspekulationen und befeuerte die Ära des Wildcat Banking. Diese Blase platze als „Panik von 1837“ und stürzte das Land in eine jahrelange Depression.
1893 war es ein einzelner Mann, der erneut das taumelnde Bankensystem stabilisierte: J.P. Morgan. Aus einer wohlhabenden Bankiersfamilie stammend, hatte er das Geschäft seines Vaters zu einem der mächtigsten Finanzimperien der Welt ausgebaut – im US-Finanzwesen war er das, was Rockefeller im Ölgeschäft war: die unangefochtene Spitze mit Einfluss über den gesamten Markt.
Im Herbst 1907 brach erneut eine Panik aus, die die US-Finanzwelt an den Rand des Abgrunds brachte. Morgan, mittlerweile 70 Jahre alt, trat wieder auf die Bühne und prägte wie kein anderer den Übergang vom alten Bankensystem zur Gründung der Federal Reserve.
Der Schmetterlingseffekt: Gold, Erdbeben und Zinsen
Um die Wucht der Panik von 1907 zu verstehen, muss man den Blick über die Wall Street hinaus weiten. Ein oft übersehener Faktor ist das Erdbeben von San Francisco im April 1906. Die Zerstörung der Stadt führte zu massiven Versicherungsansprüchen, die hauptsächlich von britischen Versicherern beglichen werden mussten. Dies führte zu einem gewaltigen Abfluss von Gold aus London in die USA. Die Reaktion der Bank of England war drastisch: Sie erhöhte die Leitzinsen, um das Gold im Land zu halten, denn auch das britische Finanzsystem war Anfang des 20. Jahrhunderts aufs äußerste angespannt, die tatsächliche Golddeckung des Pfund Sterling lag bei mageren vier Prozent. Zudem war ein zusätzlicher aggressiver Spieler auf der Weltbühne erschienen, der seinen Teil vom Goldmarkt einforderte, das Deutsche Reich. Das zusammen verteuerte Kredite weltweit und entzog den New Yorker Märkten genau zu dem Zeitpunkt die Liquidität, als die US-Wirtschaft in eine Rezession rutschte. Der „Silent Crash“ als unmittelbare Folge des Erdbebens blutete die Märkte von September 1906 bis März 1907 aus, die Liquidität wurde immer dünner. Das Pulver war trocken, die Lunte gelegt – es fehlte lediglich noch der Funke.
Bank-Run und Kettenreaktion: Knickerbocker Trust kollabiert
Die Panik von 1907 unterschied sich von früheren Krisen: Sie erreichte eine neue Qualität und Dimension. Banken, Trusts, Brokerfirmen und selbst städtische Finanzen waren engmaschig verwoben, die Geldinstitute hochgradig gehebelt, die Kreditvergabe extrem konzentriert. Trusts – eine Mischung aus Bank und Hedgefonds, aber weit weniger reguliert – wirkten dabei wie Brandbeschleuniger. Sie unterlagen nicht dem National Banking Act und ihre Mindestreserven lagen oft nur bei fünf Prozent der Einlagen. Ein landesweiter Dominoeffekt drohte, der alle Bereiche der US-Wirtschaft erfassen konnte.
Die als Bankers-Panik bekannte Krise begann am 22. Oktober 1907. An der Wall Street sickerten Informationen durch, dass die Knickerbocker Trust Company durch exzessive Kredite an Börsenspekulanten in massive Zahlungsschwierigkeiten geraten war. Das ist das gängige Narrativ, gräbt man tiefer, enthüllt man eine brisante Information: Die National Bank of Commerce, die allgemein als „Morgan-Bank“ angesehen wurde, kündigte bereits am 21. Oktober an, Schecks des Knickerbocker Trust nicht mehr zu clearen (verrechnen). Dies war der eigentliche Todesstoß, der das Vertrauen zerstörte. Der Mann, der die Krise steuerte und rettete, steht auch an ihrem Anfang.
Es folgte der Albtraum aller Bankiers: ein Bank-Run. Binnen weniger Stunden wurden acht Millionen Dollar abgehoben – eine Summe, die im Verhältnis zum damaligen US-BIP enorm war und heute mehr als sechs Milliarden Dollar entspräche. Selbst zwei Lieferwagen voller Banknoten beruhigten die wütende Menge – nicht.
Kurz nach Mittag musste der Trust seinen Betrieb einstellen – das war der „Lehman-Moment“ von 1907, vergleichbar mit dem Zusammenbruch der Lehman Brothers 2008. Jetzt brach Panik aus. Weitere Bank-Runs folgten, die sich in kürzester Zeit auf das ganze Land ausdehnten.
Die Liquidität stockte, bis sie nahezu vollständig verdampfte. Kreditzinsen im Interbankenmarkt stiegen auf extreme 70 bis 100 Prozent, die Kreditlinien der Börsenmaklerfirmen waren ausgereizt – und die NYSE stürzte auf Tiefs, die man zuletzt zur Jahrhundertwende gesehen hatte. Nur zwei Tage später fielen weitere zwölf Banken und Trusts wie Dominosteine. Die US-Wirtschaft drohte im finanziellen Chaos zu versinken. Das Spiel Reise nach Jerusalem war im vollen Gange, die ersten Spieler bereits ausgeschieden. Charles T. Barney, der Präsident der Knickerbocker Trust Company, trat zurück und erschoss sich kurze Zeit später am 14. November desselben Jahres.
J.P. Morgan betritt die Bühne der Panik von 1907– und lehnt ab
Als das Chaos die US-Finanzwelt überrollte, weilte J.P. Morgan bereits seit einigen Tagen in New York. Er war kein Mann, den eine Krise unvorbereitet traf. Jahrzehntelange Erfahrung mit Eisenbahnsanierungen, Bankenrettungen und internationalen Krediten hatten ihn gelehrt, wie eng das amerikanische Finanzsystem verflochten war. Er war der Machtfaktor, der maßgebliche Architekt im Hintergrund – und die historische Kulmination der privaten Kapitalsammelstelle.
Es ist ein großer blinder Fleck der Finanzgeschichte, unbedacht davon auszugehen, dass die „da Vincis“ des Geldsystem dieses nicht vollständig durchdrungen und bis ins kleinste Detail seziert hätten. Für sie war das Zinsparadoxon kein abstrakter Begriff, sondern das Elixier, aus dem sie ihre Finanzimperien destillierten. Wenn ein Mensch wie der hier schreibende Autor diese Mechanismen dechiffrieren und für eine breite Leserschaft aufarbeiten kann, dann hat ein J.P. Morgan sie in Perfektion für sich zu nutzen gewusst.
Schon 1893 hatte er eine Bankenkrise gemeistert und davon profitiert. Auch 1907 erkannte er die Dynamik sofort. Bereits am 19. Oktober, in der Ruhe vor dem Sturm, versammelte er seine engsten Vertrauten in seinem Stadtpalast in der Madison Avenue. Die Krise überraschte ihn nicht, im Gegenteil: Er hatte den Taktstock gehoben und dem Orchester das stille Signal gegeben, die Musik für die „Reise nach Jerusalem“ zu spielen. Mit dem Unterschied, dass ihm das Orchester gehörte und sein Platz sicher war – während hunderte Mitspieler um die wenigen verbliebenen Stühle kämpften.
Während auf der Straße die Anleger vor den wuchtigen Eingangstüren der Trusts Schlange standen, um ihr Erspartes zu retten, empfing Morgan Bankier um Bankier in seiner holzgetäfelten Bibliothek, hörte zu, ließ Zahlen prüfen und Bilanzen durchleuchten. Sein erstes Urteil: Die Knickerbocker Trust Company war insolvent; eine direkte Rettung kam nicht infrage. Doch als die Panik auch gesunde Häuser erfasste – allen voran die Trust Company of America – änderte sich die Lage. Morgan wusste, dass er jetzt handeln musste: „This is the place to stop the trouble, then.“ Er hatte den Kipppunkt im System erkannt, ab dem das Chaos unkontrolliert wüten und auch sein eigenes Bankenimperium mit in den Abgrund reißen könnte.
Rockefeller, Cortelyou & die Millionen-Spritzen
Gemeinsam mit James Stillman von der National City Bank und George F. Baker von der First National Bank organisierte er die Liquidation von Vermögenswerten des Trusts, damit die Einleger ausgezahlt werden konnten. Der Trust überstand zunächst den Geschäftstag, doch es war klar, dass am Folgetag zusätzliche Mittel nötig sein würden. In einer nächtlichen Sitzung in Morgans Bibliothek beschlossen die Finanzakteure, weitere acht Millionen Dollar bereitzustellen. Am Donnerstag, dem 24. Oktober 1907, zahlte Finanzminister George B. Cortelyou rund 25 Millionen Dollar bei mehreren New Yorker Banken ein, während John D. Rockefeller weitere zehn Millionen Dollar in die National City Bank deponierte und der Presse erklärte, notfalls die Hälfte seines Vermögens verpfänden zu wollen. Die Einzahlung von 25 Millionen Dollar durch den Finanzminister ist der erste „Bailout“ der amerikanischen Geschichte und zeigt eindrücklich die enge Verzahnung von Kapital und politischer Macht.
Zehn Minuten für 25 Millionen – die Rettung der Wall Street
Die Krise spitzte sich zu wie in einem Finanzthriller, die Ereignisse überschlugen sich im Stundentakt: Ein Credit Crunch fegte durch die Bankbilanzen, jeder wollte sein ausgeliehenes oder investiertes Geld zurück – ein verzweifelter Wettlauf, bei dem alle zugleich an die Kasse rannten. Das Finanzsystem begann offen einzustürzen. An der Wall Street brach Panik aus. Präsident Ransom Thomas meldete Morgan: Die Börse müsse sofort geschlossen werden – es gebe keine Liquidität mehr, der Handel sei lahmgelegt.
Morgan wusste, dass ein Schließen der Börse ein katastrophales Signal aussenden würde, und rief sofort die Präsidenten der Banken in sein Büro. Um 14.00 Uhr verkündete er, dass bis zu 50 Brokerhäuser zusammenbrechen würden, wenn nicht binnen zehn Minuten 25 Millionen Dollar aufgetrieben würden. Die Uhr tickte. Um 14.16 Uhr hatten 14 Bankpräsidenten 24 Millionen Dollar zugesagt – gerade rechtzeitig, um den Handel bis zur Schlussglocke um 15 Uhr aufrechtzuerhalten. Morgan selbst, sonst ein Mann der öffentlichen Zurückhaltung, erklärte gegenüber Reportern: „Wenn die Leute ihr Geld in den Banken behalten, wird alles in Ordnung sein.“
Doch die Panik von 1907 hatte noch lange nicht ihr Ende erreicht. Am Freitag, dem 25. Oktober, stürzten die Aktienkurse weiter, die Verluste der letzten drei Tage summierten sich mittlerweile auf rund 40 Prozent. Morgan überzeugte die Bankpräsidenten, weitere zehn Millionen Dollar bereitzustellen, diesmal streng zweckgebunden: Kein Geld für Marginkäufe. Das Handelsvolumen sank auf zwei Drittel, die Börse blieb offen. In diesen Stunden war J.P. Morgan mehr als ein Bankier – er war die Zentralbank in Personalunion. Er hielt das Schicksal der Wall Street buchstäblich in seinen Händen. Wer überlebte, wer fiel, hing von seinen Entscheidungen ab. Das Wochenende brachte zwei Tage Pause für die Märkte, aber nicht für die Bankiers – das Finanzsystem kollabierte um sie herum wie ein Kartenhaus, während jeder Griff nach Liquidität den Credit Crunch noch stärker befeuerte.
Komitees, Klerus und Kreditzertifikate – Beruhigung auf Zeit
Um das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherzustellen – denn es war unmöglich, dauerhaft so viel Geld unkontrolliert zu bündeln – bildeten die Bankiers am Freitagabend zwei Komitees. Eines sollte den Klerus gewinnen, die Gemeinden am Sonntag zu beruhigen. Würde man dieses Szenario auf die heutige Zeit übertragen, liefe im ÖRF wahrscheinlich eine Dauerschleife aus Expertenrunden, moderiert von Markus Lanz oder Dunja Hayali, um das aufgebrachte Kollektiv mit rhetorischen Beruhigungspillen zu besänftigen.
Das andere Komitee erklärte der Presse die Details des Rettungspakets, um Panikmeldungen vorzubeugen. Am Montag darauf würde das New York Clearing House Kreditzertifikate über 100 Millionen Dollar emittieren – genug, um den Interbankenmarkt flüssig zu halten. Finanzminister Cortelyou kehrte nach Washington zurück, ein bewusstes Signal: Die Wall Street sollte spüren, dass die Lage unter Kontrolle war. Aber sie war es keinesfalls, der Kollaps ging ungebremst weiter: Ein weiterer großer Dominostein drohte zu kippen.
New York vor dem Bankrott: Morgan kauft die Stadt frei
Am Sonntag wurde Morgans Mitarbeiter George Perkins darüber informiert, dass die Stadt New York bis zum 1. November mindestens 20 Millionen Dollar benötigte, da sonst der Bankrott drohte. Ein Versuch, das Geld durch eine Standardanleihe zu besorgen, war bereits gescheitert. Und wieder war es J.P. Morgan, der durch einen Vertrag zum Kauf von Stadtanleihen im Wert von 30 Millionen Dollar die Katastrophe, die ein Bankrott der Stadt New York aussenden würde, abwendete.
Moore & Schley – ein Brokerhaus am Abgrund
Doch die Krise war längst nicht gebannt. Die Handelswoche an der Börse begann zunächst ohne weitere Panik, doch bereits am Samstag, dem 2. November 1907, drohte der Zusammenbruch einer der größten Brokerfirmen, Moore & Schley. Das Unternehmen hatte als Sicherheiten für hohe Kredite Aktien der Tennessee Coal, Iron and Railroad Company (TC&I) hinterlegt. Bei dünnem Handel stürzte der Kurs ab, und es war absehbar, dass die Gläubiger-Banken am Montag ihre Kredite kündigen würden – mit verheerenden Folgen für das Brokerhaus und den Gesamtmarkt. Erneut berief J.P. Morgan eine Krisensitzung in seiner Bibliothek ein. Er schlug vor, dass die U.S. Steel Corporation, sein eigenes Unternehmen, TC&I übernehmen sollte – ein gezielter Schritt, um das drohende Desaster abzuwenden. Doch bis 19 Uhr zeichnete sich keine Einigung ab, die Krise tobte weiter. Zwei weitere große Dominosteine wackelten bedrohlich.
Eingesperrt in Morgans Bibliothek – Zwang zur Einigung
Der Lincoln Trust und die Trust Company of America standen nach erneuten Bank-Runs wieder kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Am Montag würden sie ihre Verpflichtungen nicht mehr bedienen können – der finale Kollaps drohte. Am Samstagabend füllte sich Morgans Stadtpalast mit 40 bis 50 Bankiers. In seiner Bibliothek verteilte sich die Finanzelite auf drei Räume: Die Präsidenten der Clearing-Banken tagten im East Room, die Spitzen der Trusts im West Room, während Morgan selbst mit seinen engsten Vertrauten im Büro des Bibliothekars über das Schicksal von Moore & Schley und TC&I beriet. Drei Krisenherde zugleich, drei Räume, ein Ziel: das System irgendwie am Laufen zu halten, den völligen Zusammenbruch verhindern. What ever it takes!
Morgan ließ durchsickern, dass er Moore & Schley nur retten würde, wenn auch die Trustgesellschaften ihren strauchelnden Bruder stützten – immerhin stand ein Volumen von 25 Millionen Dollar im Raum. Die Debatte zog sich bis tief in die Nacht. Immer mehr Bankiers drängten sich in Morgans Stadtpalast; am Ende saßen 120 Vertreter von Banken und Trusts in seiner Bibliothek und hörten Berichte, die kaum Hoffnung ließen: Die Trust Company of America war praktisch insolvent, dem Lincoln Trust fehlte rund eine Million Dollar, um die Einleger zu bedienen.
Als die Diskussion stockte, bemerkten die Bankiers, dass Morgan die Türen hatte verschließen lassen. Niemand kam heraus, bevor es eine Einigung gab. Stunde um Stunde verging, bis er sich selbst einmischte und unmissverständlich erklärte: Ohne eine gemeinsame Kreditlinie von 25 Millionen Dollar sei der Kollaps des gesamten Systems unvermeidlich. Um 4:45 Uhr setzte er den führenden Vertreter der Trusts unter Druck – als dieser zögerlich unterschrieb, folgten die anderen. Erst dann ließ Morgan die erschöpften Bankiers hinaus.
Am Sonntag arbeitete Morgan mit seinen engsten Vertrauten fieberhaft am nächsten Rettungsakt: der Übernahme von TC&I durch die U.S. Steel Corporation. Doch ein letztes Hindernis stand im Weg: Präsident Theodore Roosevelt. Ausgerechnet er hatte den Kampf gegen Monopole zu einem Markenzeichen seiner Politik gemacht. Ohne sein Einverständnis – no Deal!
Ein Präsident zwischen Antitrust und Panik – Roosevelt gibt nach
Elbert Henry Gary, Mitgründer von U.S. Steel, und Henry Clay Frick, der mächtige Stahlmagnat der Carnegie Steel Company, stiegen noch in derselben Nacht in den Zug nach Washington. Ihr Auftrag war heikel: Sie sollten Präsident Theodore Roosevelt im Weißen Haus überzeugen, den Sherman Antitrust Act für einen Moment auszusetzen – damit ein Unternehmen, das ohnehin schon 60 Prozent des Marktes kontrollierte, eine weitere große Übernahme tätigen konnte. Zunächst wies Roosevelts Sekretär die Männer ab. Doch über den Innenminister James Rudolph Garfield erhielten sie schließlich Zugang.
Am frühen Morgen stand Roosevelt – der Antitrust-Präsident, der sich den Kampf gegen Monopole auf die Fahnen geschrieben hatte, vor der Entscheidung: Zustimmen – oder den Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems riskieren.
In seinen Memoiren schrieb er später: „It was necessary for me to decide on the instant before the Stock Exchange opened, for the situation in New York was such that any hour might be vital. I do not believe that anyone could justly criticize me for saying that I would not feel like objecting to the purchase under those circumstances.“
Roosevelt gab nach. Mit seiner Zustimmung konnte U.S. Steel die Tennessee Coal, Iron and Railroad Company schlucken – und den letzten großen Dominostein in der Panik von 1907 stabilisieren. Der völlige Kollaps des Geldsystems war abgewendet.
Die zerstörerische Kraft des Geldsystems
Die Panik von 1907 vereint wieder alle drei Roten Fäden, die wir im ersten Teil der Serie analytisch ableiten. Seit den Tempelritter kollabiert das Geldsystem aufgrund des exponentiellen Wachstums der Geldmenge durch den Zinseszins in regelmäßigen Abständen – und es ist systemisch bedingt. Je mehr Kredite vergeben werden – umso schneller der Kollaps. Diese Regel ist eine der wenigen stabilen Elemente unseres Geldsystems.
Die Panik von 1907 hatte alles gezeigt: die zerstörerische Kraft eines instabilen Geldsystems, die Ohnmacht von Politik und Öffentlichkeit – und die Machtfülle einzelner Männer, die Gesetze aussetzen können.
Sie war kein bloßer Börsencrash, sondern ein systemischer Kahlschlag: Die industrielle Produktion der USA brach um 30 Prozent ein, während das Realeinkommen pro Kopf um elf Prozent sank. Millionen von Menschen verloren ihre gesamten Ersparnisse, die Arbeitslosenquote schoss von etwa 2,8 auf 8 Prozent nach oben, was in einer Zeit ohne soziale Sicherungssysteme Hunderttausende direkt ins Elend stürzte. Zudem kollabierte der Außenhandel massiv, und die Zahl der Unternehmenspleiten stieg im Vergleich zum Vorjahr um fast 50 Prozent.
Und doch: Ohne J.P. Morgan wäre alles kollabiert. Er war für ein paar Wochen die Zentralbank der Vereinigten Staaten – unfreiwillig, aber alternativlos. Die Lehre für alle Beteiligten war: Nie wieder durfte das Schicksal des Finanzsystems von einem einzigen Menschen abhängen. Die Erfahrungen der Bankiers der Alten Welt waren notwendig. Um das Geldsystem der USA stabiler zu bauen. Der Boden für die Federal Reserve war bereitet. Wie die FED gegründet wurde, lesen Sie im nächsten Teil der Serie.



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