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Alle Notenbanken kaufen massiv Gold – außer die Schweizer SNB

  • Autorenbild: Thomas Hartz
    Thomas Hartz
  • 29. Jan.
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Jan.

Die Schweiz und die SNB als Gravitationszentrum der Krise


Schweiz_Tresor

Während die Zentralbanken von Peking bis Warschau ihre Devisenbestände mit einer fast schon manischen Geschwindigkeit in Gold umschichten, herrscht in den heiligen Hallen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) eine bemerkenswerte, fast schon unheimliche Stille. Man könnte meinen, die Notenbanker in Bern hätten den monetären Instinkt für das einzig wahre Wertaufbewahrungsmittel verloren, doch die Wahrheit hinter dieser Passivität ist weit weniger romantisch. Die SNB ist schlichtweg zur Gefangenen ihrer eigenen Bilanz geworden – zum Opfer des eigenen Erfolges und zum Kollateralschaden eines kredit- und zinsbasierten Fiat-Geldsystems. Die Nationalbank kann den Kampf gegen die Mathematik des Zinseszinses langfristig nicht gewinnen, ohne die ökonomische Basis der Schweiz nachhaltig zu gefährden. Ist die Schweiz im Begriff, in einem monetären Endlager zu erstarren, das seine Stabilität nur noch aus der Akkumulation globalen Wohlstands speist?


Ein Blick hinter die Kulissen der Fluchtwährung Schweizer Franken


Seit Jahrhunderten folgt Kapital dem Ruf der Sicherheit, wie auch heute. Sobald geopolitische oder monetäre Erschütterungen eine Krise auslösen, verstärkt sich dieser Sog unerbittlich. Das erklärt unter anderem, warum aktuell im Januar 2026 die Edelmetallpreise derart massiv haussieren und der US-Dollar sukzessive an Wert gegenüber dem Schweizer Franken verliert. Analysten nennen dies den sogenannten „Debasement-Trade“. Neben Gold und Silber profitiert auch traditionell die Schweiz als ultimativer „Safe-Haven“-Tresor für die weltweite Finanzelite. Der Schweizer Franken fungiert als unbestechlicher Garant für eine stabile Währung.


Das helvetische Modell ist zwar auf den ersten Blick sehr profitabel, aber es birgt systemische Risiken, die sich direkt aus der Konstruktion unseres kredit- und zinsbasierten Geldsystems ableiten lassen. Gleichwohl wohnt diesem Arrangement ein unverkennbarer „Da Vinci“-Pinselstrich inne – eine finanzielle Brillanz von solch kühner Eleganz, dass man sie jenseits aller systemischen Bedenken als monetäre Kunstform par excellence respektvoll anerkennen muss.


Die Auswirkungen einer Fluchtwährung auf die heimische Wirtschaft


Blickt man historisch auf das Geldsystem, so offenbart sich eine Regelmäßigkeit systemischer Krisen. Dies liegt an der systemisch bedingten konstanten Ausweitung der Geldmenge durch Kredite und Zinsen, dem Zinsparadoxon. Dieses exponentielle Wachstum führt langfristig zu einer Abkopplung der Geldmenge von den real zugrundeliegenden Sicherheiten. Sobald dieser Abstand eine kritische Masse erreicht, wird ein Währungskollaps zur mathematischen Zwangsläufigkeit. Das bedeutet aber auch im Umkehrschluss, dass ab einem gewissen Zeitpunkt der Krise das sich entwertende Fiat-Geld fluchtartig in werthaltige Assets fließt, sei es Gold, Silber, Aktien, Immobilien oder auch Schweizer Franken. Ob die Schweiz das nun will oder nicht – sie fungiert als Liquiditätsschwamm in einem kaum zu lösenden Spannungsumfeld. Um das konkret zu belegen, ist ein detaillierter Blick auf den Mechanismus der Fluchtwährung, die Bilanz der SNB und auf das gesamte in der Schweiz verwaltete Vermögen (AuM) unumgänglich.


Die realen Auswirkungen einer Fluchtwährung auf das Geldsystem


Wenn ein besorgter US-Anleger sein Vermögen in die Schweiz transferiert, bedeutet dies zunächst schlicht, dass die Schweizer Notenbank ihm dafür „neue“ Schweizer Franken zur Verfügung stellt und die erworbenen Dollarbestände in die Bilanz aufnimmt (Bilanzverlängerung). Während einer massiven Kapital-Fluchtbewegung würde sich dieses Verhalten exponentiell vervielfachen und in der Konsequenz dazu führen, dass die Geldmenge der Schweiz immer größer würde, während als Sicherheit immer fragilere Devisenbestände in den Tresoren der SNB hinterlegt werden. Entweder sie riskiert, dass der Franken durch die enorme Nachfrage unkontrolliert aufwertet – was in letzter Konsequenz dazu führen würde, dass die Währung im Inland faktisch „ausverkauft“ und dem heimischen Wirtschaftskreislauf als notwendiges Schmiermittel entzogen wird –, oder sie riskiert eine massive bilanzielle Verwässerung durch das Halten unproduktiver Devisenreserven.


Um dieses Dilemma zu lösen, agiert die SNB seit Jahren wie ein Hedgefonds und kauft im großen Stil internationale Anleihen, Aktien und Wertpapiere. Sie ist heute einer der weltweit größten Eigentümer von US-Tech-Aktien. Laut SEC-Filings (13F) hält sie Aktien von Apple, Nvidia, Microsoft und Amazon im Wert von jeweils über 10 Milliarden Dollar. Das Geniale daran: Sie druckt Tranchen von Schweizer Franken, entweder per Mausklick oder auf Papier, tauscht sie in ausländische Währungen und kauft dafür Aktien von Nvidia und Apple, oder Euro-Bundesanleihen. Das ist der Da-Vinci-Pinselstrich im monetären Gemälde der SNB.


Der Alpen-Tresor und die Bilanz der SNB


Diese Bilanzverlängerung lässt sich am elegantesten an den von der SNB veröffentlichten Zahlen messen. Während die Bilanzsumme vor der Finanzkrise 2007 noch bei bescheidenen 100 Milliarden Schweizer Franken lag, hat sie sich bis heute auf knapp 900 Milliarden Franken aufgebläht – ein monströser Zuwachs von 800 Prozent, der die gesamte Schweizer Wirtschaftsleistung (BIP) mittlerweile um über 110 Prozent überragt.


Die Ironie dabei offenbarten die provisorischen Geschäftszahlen für 2025, die im Januar 2026 publiziert wurden: Die SNB wies einen Gewinn von rund 26 Milliarden Schweizer Franken aus. Doch dieser Gewinn stammte nicht aus dem „genialen“ Papiergeschäft. Im Gegenteil: Mit ihren Fremdwährungspositionen (Anleihen/Aktien) machte die SNB rund 9 Milliarden Franken Verlust. Gerettet wurde die Bilanz einzig durch einen Bewertungsgewinn von über 36 Milliarden Franken auf dem Goldbestand. Das Asset, das die SNB seit Jahren strategisch ignoriert und nicht aufstockt, ist das einzige, das sie bilanziell am Leben hält.

Die Konsequenz dieser Politik: Die Geldmenge M3 ist auf rekordverdächtige 1,21 Billionen Franken angeschwollen. Diese Zahlen klingen sehr abstrakt, daher ist ein Vergleich angebracht:


Blickt man auf die breite Geldmenge M3, die im Januar 2026 in der Eurozone zirkuliert, so verteilt sich eine Masse von rund 17,2 Billionen Euro auf etwa 350 Millionen Bürger. Dies ergibt eine statistische Geldmenge von circa 49.000 Euro pro Kopf. In der Schweiz hingegen prallt die bereits erwähnte Geldmenge M3 von 1,21 Billionen Franken auf eine Bevölkerung von lediglich 9 Millionen Menschen.

Das Ergebnis ist eine pro-Kopf-Liquidität von rund 134.000 Franken. Ein Schweizer Bürger trägt somit statistisch gesehen fast den dreifachen „monetären Schatten“ eines Euro-Bürgers mit sich herum. Diese enorme Dichte erklärt das Gravitationszentrum der Krise: Jede Fluchtbewegung in den Franken trifft auf einen winzigen, hochgesättigten Markt, was den Aufwertungsdruck physikalisch unvermeidbar macht.


Das lila Monument: Bargeldumlauf als physischer Sicherheitsanker


Noch deutlicher wird die Diskrepanz beim Bargeld – das letzte Stück greifbare Freiheit. In der Eurozone beläuft sich der Banknotenumlauf auf etwa 1,6 Billionen Euro, was einer Barreserve von rund 4.500 Euro pro Bürger entspricht. Die Schweiz spielt hier in einer völlig eigenen Liga. Mit einem Notenumlauf von rund 80 bis 100 Milliarden Franken entfallen auf jeden Einwohner statistisch gesehen etwa 9.000 bis 11.000 Franken in bar. Während die Welt über die Abschaffung des Bargelds debattiert, horten die Schweizer – und mit ihnen die internationale Finanzelite  – die lila 1.000er-Noten. Alleine dass es 1.000er Franken-Noten gibt, ist ein unmissverständliches Statement. Der Schweizer Franken ist das ultimative Endlager für reale Substanz – faktisch eine zinslose Inhaberschuldverschreibung der SNB mit eingebauter Anonymität. Eine Million Schweizer Franken sind ein Geldbündel von 15 cm Höhe, das Gewicht ist gering. Diese hohe Bargeldquote ist der physische Beweis für das Misstrauen gegenüber dem zinsbasierten Giralgeldsystem und zementiert die Rolle der Schweiz als globalen Tresor.


Der helvetische Monsun: Wenn Reichtum zur existenziellen Bedrohung wird


Von den 1,21 Billionen Franken (M3) benötigt die Schweizer Wirtschaft geschätzt rund 500 Mrd. Franken, um den Wirtschaftskreislauf liquide zu halten. Die fehlenden 700 Mrd. finden sich in der Bilanz der SNB wieder, die Sichteinlagen der privaten Bankhäuser belaufen sich auf hohe dreistellige Milliardenbeträge. Dieses Geld ist die kurzfristige Cash-Reserve der Privatvermögenden, gebündelt über die Privatbanken bei der SNB. Der Rest sind Termingelder, die nach bestimmten Laufzeiten fest angelegt sind. Die Zinsen dieser Geldanlangen haben keine sonderliche Sprengkraft für das Schweizer Geldsystem.


Hinter der Fassade der geldpolitischen Stabilität verbirgt sich jedoch eine mathematische Wucht, die das herkömmliche Vorstellungsvermögen sprengt: In der Schweiz werden schätzungsweise 10 Billionen Franken an Vermögen (AuM) verwaltet. Selbst bei einer konservativ gerechneten Rendite von nur zwei bis drei Prozent prasseln Jahr für Jahr 200 bis 300 Milliarden Franken an Zinserträgen und Dividenden auf die kleine Alpenrepublik nieder. Das ist kein gelegentlicher warmer Regenschauer mehr, sondern ein permanenter Monsun, der auf die Gebirgszüge des Schweizer Frankens niedergeht. Selbst wenn die Erträge aus den Vermögen in ausländischen Währungen anfallen, schlussendlich landen sie bei einer Schweizer Privatbank und werden in Franken verrechnet.


Nun steht die SNB vor der unlösbaren Aufgabe, den Franken stabil zu halten, da er sonst die heimische Export-Industrie ersticken würde. Also druckt sie weiter emsig Schweizer Franken, malt schöne Bilder und Zahlen drauf, tauscht sie in Fremdwährungen um und kauft weitere Anleihen und Aktien, die wiederum Zinsen und Dividenden abwerfen. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass die SNB nicht die einzige Notenbank der Welt ist, die Geld aus dem Nichts drucken kann, aber ihre Währung wie Goldunzen bewertet werden, dann kann man erahnen, wie schnell das ganze völlig aus dem Ruder laufen kann.


Die Pfändung der Welt: Die SNB als Erbin des Amsterdamer Modells


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Diese Konstruktion führt in ihrer letzten Konsequenz zu einem System, in dem jeder globale Akteur, der sein Kapital in den sicheren Hafen des Frankens rettet, der Schweiz faktisch eine dauerhafte Apanage aus seinem eigenen Gesellschafts- oder Industrievermögen abführt. Wenn deutsche Euros in Franken getauscht werden, kauft die SNB davon deutsche Bundesanleihen. Die Zinsen, die der deutsche Steuerzahler für seine Staatsschulden aufbringt, fließen somit über den Umweg der SNB direkt an die Schweizer Eidgenossen.

Die SNB ist Gefangene ihres eigenen goldenen Käfigs. Sie kann die Aktien und Wertpapiere nicht verkaufen, denn das würde den Druck auf den Franken noch weiter erhöhen. Zudem sinkt dann der Wert ihrer ausländischen Wertpapiere. Und selbst wenn sie theoretisch keine ausländischen Fluchtwährungen mehr ankaufen würde, fallen doch jährlich hunderte Mrd. Franken oder mehr an Zinserträgen an.


Die Schweiz repräsentiert damit die globale Kapitalsammelstelle unserer Zeit, in frappierender Ähnlichkeit zur berühmten Amsterdamer Wechselbank des 17. Jahrhunderts, deren Bankgulden ebenfalls als ultimative, mit Aufpreis gehandelte Fluchtwährung fungierte.


Deren Untergang begann, als sie das Prinzip der vollen Deckung aufgab und heimlich illiquide Kredite an die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) vergab. Die Parallele zur SNB ist beunruhigend: Indem die SNB heute ihre harten Franken gegen die Schuldscheine von Staaten tauscht, die ihre Finanzen nicht im Griff haben (US-Treasuries, Euro-Bonds), importiert sie – genau wie Amsterdam damals mit der VOC – das Bonitätsrisiko der Welt in ihre eigene Bilanz. Sollten Dollar oder Euro strukturell kollabieren oder die KI-Blase platzen, sind die "Assets" der SNB wertlos, und der Franken verliert seine Deckung.


Die finale Anomalie: Warum die SNB kein Gold kauft


Die Krönung dieses bizarren Gemäldes ist die rechtliche Konstruktion der Nationalbank selbst. Während die Welt in ihr eine staatliche Institution vermutet, ist die SNB de facto eine börsennotierte Aktiengesellschaft (SNBN), deren Anteile teilweise in den Händen privater Investoren liegen. Rund 51 Prozent gehören Kantonen und Kantonalbanken, der Rest ist in privatem Streubesitz, darunter prominente Investoren wie Theo Siegert.


Zwar ist der Einfluss dieser privaten Aktionäre durch eine Stimmrechtsbeschränkung auf maximal 100 Stimmen pro Kopf gesetzlich limitiert, doch ändert dies nichts an der Groteske der Konstruktion: Private Aktionäre profitieren von Dividenden einer Institution, die öffentliche Aufgaben wahrnimmt, und sind somit Teilhaber eines unaufhaltsam expandierenden Hedgefonds, der in dieser Krise mit schlicht bedruckten Schweizer Franken die reale Substanz der Welt aufkauft.


Nun steht zum Schluss die Frage noch unbeantwortet im Raum – warum die SNB als einzige Notenbank kein Gold kauft?


Die Antwort liegt wohl in der puren Angst vor der eigenen Signalwirkung: Ein massiver Kauf von Gold durch die SNB würde in Lichtgeschwindigkeit das Ende des Vertrauens in das papierbasierte System einläuten – ein Signal, das die ohnehin schon kritische Gravitation des Schweizer Frankens schlagartig zur Explosion bringen könnte.


Zudem steckt die SNB in einer Größenfalle: Sie muss so gewaltige Summen intervenieren, dass der globale Goldmarkt dafür schlicht zu klein ist. Würde die SNB versuchen, Milliarden in Gold statt in Euro-Anleihen zu stecken, würde der Goldpreis explodieren – und damit der Franken, der als „Gold-Ersatz“ gilt, gleich mit. Die SNB ist zu groß geworden für das einzige Asset, das wirklich zählt. Sie ist der monetäre Atlas des Fiat-Geldsystems.



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